Jo Nesbø: Der Sohn

P1010832Titel Nesbø’scher Kriminalromane weisen zumeist auf den vorder- oder hintergründig agierenden „Ober-Kriminellen“ der Story hin. So auch bei Der Sohn. Der Sohn Sonny war auf die schiefe Bahn geraten, als Vater Ab in seinem Abschiedsbrief, den er vor seinem Tod angeblich durch Selbstmord, schrieb, gestanden hat, in seiner Funktion als Polizist Maulwurf für einen ganz Großen in der Osloer Verbrecherszene fungiert zu haben. In der Folge war Sonny heroinsüchtig geworden und machte alles, um an Stoff zu kommen. Sogar Morde, die im Auftrag des Großen verübt wurden, nahm er dafür auf seine Kappe und fuhr dafür im Osloer Gefängnis, dem Staten, ein. Dort erfährt er nach 15 Jahren, dass sein Vater ermordet wurde, die Maulwurftätigkeit nie nachgewiesen wurde.

Dem überaus gewieften, intelligente Sonny gelingt es, aus dem Staten auszubrechen. Sein Ziel: Abrechnung mit denen, die in Zusammenhang mit dem Mord an seinem Vater stehen, und mit allen, die sein eigenes Leben zum Desaster haben werden lassen. Das sind eine Menge Leute, Kleinkriminelle, besonders aber die großen Fische in Oslos Becken von Trafficking und Mord, Korruption und Verrat von Dienstgeheimnissen bis in die höchsten Stellen der Justiz.

So zieht Sonny eine blutige Spur durch Oslo, verfolgt von dem Ermittlerduo Kari Adel, einer jungen, unerfahrenen Kommissarin, und Simon Kefas, ehemals krankhafter Spieler, aus dem Dezernat für Wirtschaftskriminalität abgeschobener Ermittler im Morddezernat.

Und zum Schluss – auch wieder typisch Nesbø – erhält die Geschichte noch eine nahezu ungeahnte Wendung. Ungeahnt, wenn beim Lesen nicht auf scheinbare Nebensächlichkeiten und Unbedeutendes geachtet wurde. Ebenso typisch ist, dass der Autor wiederum einen ungewöhnlichen Tod schildert, untypisch – von Headhunter abgesehen -, dass Harry Hole dieses Mal nicht mit dabei ist.

Dass Harry Hole dieses Mal nicht dabei sein würde, hatte Jo Nesbø bereits im letzten Jahr auf seinen Lesungen in Deutschland durchblicken lassen und es geht auch so. Der inzwischen ausgelaugte Protagonist von zehn Bänden der Reihe konnte nicht mehr aus seinen ausgetretenen Pfaden ausbrechen. So war es sinnvoll, sich von einem alten Ermittler zu trennen, einen neuen zu kreieren, wobei, wenn ich das Ende richtig verstanden habe, Der Sohn nach einem stand-allone-Krimi aussieht. Aber wer weiß das schon bei Nesbø, vielleicht habe ich eine Kleinigkeit überlesen.

Sonny hat jedenfalls abgerechnet. Art, Schnelligkeit und Brutalität, wie er das gemacht hat, wird auf Nesbø’sche Weise beschrieben, unsentimental und falls Ansätze von Romantik oder Sentimentalität erkennbar werden, wird schnell wieder umgeschaltet auf Coolness, Professionalität, die zielgerichtet sind. Nun werden durch Sonny Kriminalverbrechen in Oslo nicht ausgerottet sein, nach der Zerstörung dieses Netzwerks werden neuen aufgebaut werden, existieren vermutlich schon. Es wäre schade, wenn dem Autor nichts mehr einfiele, was da in Oslo an Bösem passiert.

Der Sohn ist ein Kriminalroman, frei von den Befindlichkeiten des kaputten und alternden, von vielen Abenteuern und Exzessen gezeichneten Harry Holes. Ein grandioser Neuanfang in Jo Nesbøs Werk.

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Originaltitel: Sønnen (Norwegen 2014), dt. 2014 in der Übersetzung von Günther Frauenlob

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