Joe R. Lansdale: Das Dickicht

P1010795Düsteres, trostloses Szenario: Joe R. Landsdale hat schon einige Geschichten Heranwachsender aus dem Osttexas des letzten Jahrhunderts erzählt (Ein feiner dunkler Riss, Dunkle Gewässer). Und es immer ein düsteres, trostloses Szenario, das der Autor schildert. Wie auch hier in Das Dickicht, das in einer Zeit spielt als die Marx-Brothers noch auf kleinen Bühnen in Texas auftreten – in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, als in dem Landstrich Automobile und Telefone noch eine Seltenheit sind.

Das Leben hat den sechzehnjährigen Jack Parker arg gebeutelt: Seine Eltern sind an Pocken gestorben und als der Großvater Jack und dessen jüngere Schwester bei einer Tante unterbringen will, wird der Großvater auf der Reise dorthin von Verbrechern erschossen, die vierzehnjährige Schwester Lula fällt in die Hände dieser üblen Zeitgenossen. Jacks einziger Wunsch nach diesem Zwischenfall ist, seine Schwester zu befreien. Er erkennt, dass dieses Vorhaben Unterstützung benötigt und findet sie in zwei Kopfgeldjägern, von denen der eine vorgibt, ein guter Fährtenleser zu sein. Der andere, Shorty, fällt zunächst durch eine gute Bildung und seine Kleinwüchsigkeit auf, später erweist er sich als äußerst brutal. Dem Trio – eigentlich dem Quartett, denn dem Fährtenleser folgt ein fetter Eber namens Keiler – schließen sich weiterhin die Hure Jimmie Sue und ein Sheriff, ebenfalls mit Kopfgeldjäger-Vergangenheit, an. Diese Allianz folgt den Verbrechern, die vor Mord und Kidnapping gerade eine Bank überfallen hatten. Lula zu befreien und Kopfgeldprämien zu ergattern, schweißen sie auf der tagelangen Jagd nach Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth zusammen. Und das muss auch so sein, denn die Verfolgten haben sich ihre Namen verdient und die Gegend, durch die sie ziehen, wird immer unwegsamer und gefährlicher. Die Verbrecher kennen keine Skrupel, Shorty und seine Kopfgeldjäger-Kumpanen aber auch nicht. Nur der durch seinen christlichen Glauben geprägte Jack möchte eine unblutige Befreiung seiner Schwester. Aber so naiv wie dieser Gedanke sind auch alle anderen, die der Sechzehnjährige hat.

Die Geschichte wird mehr als 10 Jahre nach Beginn der Ereignisse überwiegend aus dem Blickwinkel Jacks erzählt, in dessen schlichter, naiver Sprache. Dabei wirkt vieles märchenhaft. Jack sagt dazu gegen Ende des Romans darüber:

Ich möchte auch noch hinzufügen, dass vielleicht nicht alles, was ich erzählt habe, völlig der Wahrheit entspricht, aber es ist die Wahrheit, wie ich mich an sie erinnere.“

Drei in einem: Letztlich ist dieser Roman je nach Sichtweise des Lesers ein Abenteuer-Roman im Stile der Abenteuer-Romane Mark Twains, ein Märchen, weil es so ausgeht wie ein Märchen oder ein Kriminalroman, der in düsterem Milieu und mit steigender Spannung auf ein Ziel hin ausgelegt ist, der Befreiung von Jacks kleiner Schwester aus den Fängen der Banditen – oder alles zusammen.

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Original: The Thicket, USA 2013, dt. 2014 (Übersetzung: Hannes Riffel), Tropen-Verlag

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Eine Antwort zu Joe R. Lansdale: Das Dickicht

  1. My Crime Time schreibt:

    Grrrr, du warst mal wieder schneller! Bei mir liegt dieses (hoffentlich auch für mich) wunderbare Buch noch ungelesen im Regal. Ich muss da mal dringend Leseprioritäten setzen – vor allem nach deiner Rezension, die Lust auf Lansdale macht.

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