Henriette Clara Herborn: Schmerz

Selten bleibt ein so zwiespältiger Eindruck nach der Lektüre zurück. Teilweise faszinierend, aber stellenweise auch abstoßend

P1010525Grandiose Idee:  Kriminalhauptkommissar Malminger wird zu einer zerstückelten weiblichen Leiche gerufen, die in einer alten Ziegelei abgelegt ist. Malminger ist nicht nur bei der Mordkommission in Mainz, sondern auch der führende deutsche Experte was den Mord an der Schwarzen Dahlie angeht, der 1947 in Los Angeles geschah. Der Mord ist tatsächlich 1947 geschehen und hat zu vielen Spekulationen geführt. Die Leiche war nackt und an der Hüfte zerteilt (weitere Einzelheiten möchte ich hier nicht nennen) Ein Täter wurde nie gefunden. Bücher sind darüber veröffentlicht worden (soweit die Realität), eins davon sogar von Malminger, der dafür mit dem True Crime Award ausgezeichnet wurde. Nun liegt 50 Jahre später, auf den Todestag der Schwarzen Dahlie genau, diese Leiche genau so zugerichtet und identisch abgelegt – Malminger kennt die damaligen Tatortfotos. Zudem ähneln sich die Frauen im Aussehen. Malminger fühlt sich vom Mörder angesprochen, ihn zu überführen, und die Jagd kann beginnen. Dabei beschreibt Henriette Clara Herborn das Milieu der zunächst unbekannten Toten und in die Vergangenheit und die Intention des Mörders. Zudem geht es um Sabotage innerhalb des Kommissariats, Misstrauen und Karrieregelüste.

Copykill ist das eigentliche Thema, die gleiche Vorgehensweise des heutigen Mörders wie die des Mörders der Black Dahlia Elizabeth Short.

Zweifelhaftes Drumherum: Malmlinger ist der mieseste Bulle aller Zeiten: fett, ungewaschen, dauervoll mit ständigen Saufeskapaden.Einer, der dem Ruhm vergangener Tage nachtrauert. Und dies ist nicht das einzige Extrem. Zudem Nutten, die dauernd auf Koks sind, kaum das Leben als Sklavin perverser und brutaster Spiele mit üblen Verletzungen ertragen können. Die Vita des Bordellbesitzers müssen wir über uns ergehen lassen – der vom Dozenten und Kantexperten zum „Fat Freddy“ mutiert -, auch der Lebenslauf des Zuhälters. Er wird recht plastisch geschildert, einschließlich der Knasterlebnisse. Sowie selbstverständlich die Entwicklung des einst braven Kindes von den eigenartigen Ereignissen in der Jugend bis hin zum vollendeten Psycho- Sozio- und „Was-weiß-ich-was-sonst-noch-pathen“ und Herausforderer Malmingers.

Alles recht drastisch dargestellt. Wie der Titel es beschreibt, mit Schmerz – im Überfluß

Für meine zarte Seele war das dann doch „too much“, wobei es mir als weitgehend Unbedarften schon faszinierend war, in die diversen Szenen eingeführt zu werden – wobei ich davon ausgehe, dass dieser fiktionale Teil auf guter Recherche und blühender Fantasie beruht.

Ungewöhnliches Ende: Der Schluss ist genauso ungewöhnlich wie die Geschichte um den Copykill. Es ist kein übliches Ende mit „Mörder gefangen – Welt wieder in Ordnung“ und es ist Malmlingers – unwiderruflich – letzter Fall! Aber mehr sei hier nicht verraten!

Die Realität im Fall der historischen Schwarzen Dahlie beschreibt die Autorin in einem Nachwort über „Das kurze Leben der Elizabeth Short“.

Fazit:  Ein Buch, das sicherlich sehr unterschiedlich von seinen Lesern und Leserinnen empfunden wird. Es wird abstoßen aber auch begeistern. Dabei sollte nicht das eigentliche Thema vergessen werden: Der Copykill! Und nachdem ich das alles berichtet habe, steht für mich fest: Mich hat Malmingers letzter Fall mehr begeistert als abgestoßen!

 

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5 Antworten zu Henriette Clara Herborn: Schmerz

  1. andreabreuer schreibt:

    Interessant, interessant… Ich denke, ich werde den Krimi mal antesten. Herzlichen Dank für Deine Einschätzung! 🙂

  2. Manche Schilderungen sind schon grenzwertig, aber insgesamt war ich auch begeistert.

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