Daniel Woodrell: In Almas Augen

P10105331929, Samstagabend in einer Kleinstadt im Bundesstaat Missouri. Die Schönen, Hippen und Verliebten tanzen in der Arbor Dance Hall in die Nacht. Die Hall explodiert, Leichen und deren Teile fliegen durch die Luft. Anschließend hat fast jede Familie in West Table ein oder mehrere Opfer zu beklagen. Der Sheriff ermittelt, eine Ursache für das Desaster wird auch Jahre später nicht gefunden.

Spekulationen und Verdächtige gibt es in großer Menge, Geständnisse von Unschuldigen halten über viele Jahre die Betroffenen in Atem. Von den Autoritäten der Stadt besteht kein Interesse, den Vorfall aufzuklären. Nur Alma, die ihre lebensfrohe Schwester Ruby bei dem Unglück verloren hat, will der Sache auf den Grund gehen, halbherzig unterstützt von ganz wenigen, zumeist aber allein gelassen, denn das Desinteresse ist weit verbreitet.

Alma, eine Haushälterin, die mit kargem Einkommen sich selbst und ihre drei Söhne durchbringen muss, ahnt schon bald, wie es zu der Katastrophe gekommen ist. Sie stellt Nachforschungen an, verliert dabei Arbeitsstelle und jegliche Akzeptanz als sie ihre Sichtweise der Geschehnisse äußert. Erst einige Jahrzehnte später erzählt sie die ganze Geschichte ihrem elfjährigem Enkel – und dieser uns.

Es ist eine umfangreiche und komplizierte Geschichte, die ihrer Schwester Ruby mit ihrem lockeren Lebenswandel. Ruby war stets auf der Suche nach Glück und mehr Anerkennung, ließ sich von ihrem jeweiligen Liebhaber aushalten bis sie einen fand, der ihr mehr bieten konnte. Ruby endet im Inferno. In dieser spießigen Kleinstadtatmosphäre hat es einige gegeben, die ein Motiv für das Abfackeln der Dance Hall hatten. Da ist der erzkonservative Prediger, der Musik und Tanz verdammt, der verlassene Liebhaber Rubys, auch kriminelle Gestalten von Nah und Fern.

Diese Geschichten erfährt der Elfjährige von Großmutter Alma ebenso wie einige Episoden aus dem Leben seiner Familie und von anderen Bewohnern der Stadt, die ihren letzten Tanz tanzten, als es zum großen Knall kam, von den Hinterbliebenen, die die Tanzenden verloren, sowie Reaktionen von hoch ehrenwerten Bürger und den armen Schweinen der Stadt. Und je nach Sichtweise dieser beiden Gesellschaftsteile ist der Ausgang der Geschichte mit all der jahrzehntelangen Vertuschung für die einen zufriedenstellend, die anderen bleiben ohnmächtig im Groll zurück.

Das alles erzählt Daniel Woodrell mit großer Empathie für die Helden und Antihelden seines Romans. Aber Woodrell bewertet weder Taten noch Untaten, bezieht nicht Stellung zu Moral oder Unmoral. Empfindungen und Urteil überlässt er seinen Lesern. Es ist ein aufrührendes Buch, das sowohl durch den Erzählstil als auch durch die Story begeistert.

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Wer ein wenig recherchiert, findet unter dem Stichwort „West Plains, Missouri“ bei Wikipedia einen Beitrag über ein Ereignis aus dem Jahr 1928, das offensichtlich Grundlage für denRoman war. Hier ein Auszug aus dem Beitrag:

West Plains Dance Hall Explosion

On April 13, 1928, for reasons still unknown, a violent explosion occurred in downtown West Plains. About 60 people had gathered in the Bond Dance Hall, which was on the second floor of a building on East Main Street. The explosion was reported to be felt for miles, even in Pomona, which is approximately ten miles from West Plains. Windows were shattered throughout the block, and cars were also warped on the street. The explosion also damaged the nearby Howell County Courthouse so badly that it was vacated and left until late 1933, when it was demolished by the Civil Works Administration. 37 people were killed in the explosion, and 22 people were injured. 20 of those killed were never positively identified and buried in a mass grave at Oak Lawn Cemetery in the southeast part of town. Today, they are memorialized by the Rock of Ages monument, erected on October 6, 1929. The explosion has also been remembered in a folksong recorded 30 years later.

The reasoning behind the explosion is still a topic of controversy nearly a century after the blast. Numerous reasons for the explosion have been offered, but a definitive story has never been proven to be true. The most widely accepted theory is that the explosion somehow originated from leaking gasoline in a garage owned by J. W. Wiser, which happened to be on the floor below. Because Wiser was at the garage at the time, some have speculated that the blast was intentionally caused by Wiser as a suicide attempt, which his wife reportedly refused to acknowledge. In addition, the late West Plains native Robert Neathery explained in his 1994 book, West Plains As I Knew It, that a truck containing dynamite parked in the garage may have been the cause, indirectly part of a crime in which someone shot Wiser and set a fire to cover up the crime, and the dynamite exploded.

(Quellenangaben dazu bei: http://en.wikipedia.org/wiki/West_Plains,_Missouri)

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Original: The Maid’s Version (USA 2013), dt. 2014 (Übersetzung: Peter Torberg)

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4 Antworten zu Daniel Woodrell: In Almas Augen

  1. My Crime Time schreibt:

    Jepp, dem kann ich mich nur anschließen. Mich hat das Buch im März auch gnadenlos umgehauen: http://mycrimetimeblog.wordpress.com/2014/03/26/filigranepik-in-almas-augen-von-daniel-woodrell/

  2. Pingback: Meine Lieblingskrimis 2014 – Teil 2: International | KrimiLese

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