Susanne Kronenberg: Totengruft

P1010474-001Vor ein paar Wochen habe ich Wiesbadener Krimiautoren erzählt, dass Wiesbaden, der Rheingau und Rheinhessen noch weiße Flecken auf meiner Regionalkrimi-Landkarte als Krimileser seien. Kurze Zeit danach begann die lokale Tageszeitung mit dem Abdruck des Romans Totengruft in Fortsetzungen. Ich begann, Fortsetzung für Fortsetzung zu lesen – und war begeistert von diesem Wiesbaden-Krimi!

Als ich kaum noch erwarten konnte, wie es in der nächsten Folge weitergehen würde, schenkte mir eine gute Fee (Danke, liebe gute Fee!) das Buch. Und deshalb kann ich es hier bereits vorstellen, während heute die Folge 47 im Wiesbadener Kurier erschienen ist.

Zudem muss ich in diesem Fall mit einigen Vorurteilen zu diesem Sub-Genre aufräumen, denn der Roman enthält zwar einiges an Lokalkolorit, insbesondere aus Wiesbadens Stadtteil Biebrich, der bis 1926 eine eigenständige Stadt war, aber er verzichtet sowohl auf eine/n knorzige/n Kommissar/in vom Typ „grummelnde/r Eingeborene/r“ als auch auf eine/n Zugereiste/n, der/die mit der Mentalität eingeborener Kollegen und der Urbevölkerung des Landstrichs hadert – und /oder umgekehrt.

In Totengruft wird zunächst in einem Frauenhaus eine mumifizierte Leiche gefunden, die kurz nach Ende des I.Weltkriegs als damals noch lebender Mensch gefesselt hinter einer Wandverkleidung in dieser alten Villa abgelegt wurde. Zufällig ist die Privatdetektivin und ehemalige Kommissarin Norma Tann bei der Entdeckung zugegen. Und da bei der Polizei kein Interesse daran besteht, den Mord nach so langer Zeit aufzuklären – der Mörder ist ja schon längst tot – beginnt Norma Tann aus eigenem Interesse und im Auftrag Besitzerin und Nachkommin des damaligen Eigentümers zu recherchieren.

Und hier bekommt der Kriminalroman von Susanne Kronenberg eine ganz besondere und interessante Note:

Bei dem Toten wird ein Foto von Toni Sender gefunden, die real existiert hat und 1888 in Biebrich geboren wurde. Eine Politikerin, Gewerkschaftlerin, bis 1933 Mitglied des Deutschen Reichstages, Kämpferin gegen Nationalismus und Stalinismus. Eine der ersten Frauen, die sich in dieser Zeit politisch und gesellschaftlich in so hohem Maße für eine bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Arbeiter eingesetzt, die für die Demokratie in Deutschland gekämpft hat und schließlich 1933 als Jüdin dem Naziregime gerade noch entfliehen konnte. Später hat Toni Sender bei den Vereinten Nationen weiter für Arbeiter- Frauen- und Menschenrechte gekämpft.

Das Foto führt Norma Tann zurück in die Zeit der Kindheit, Jugend und ihrer ersten politischen Aktivitäten bis hin zu jenem Tod des zunächst unbekannten Mannes.

Doch die Privatdetektivin hat sich nicht nur mit Ereignissen in der Vergangenheit zu beschäftigen, denn es geschieht ein weiterer Mord im Umfeld der alten Villa. Nun ist es zwar Aufgabe ihrer ehemaligen Kollegen von der Kripo, den in diesem Fall noch lebenden Mörder zu stellen, aber Norma kann wertvolle Hinweise auf ein mögliches Motiv geben und so unterstützt sie die Polizeiarbeit auf recht ungewöhnliche Weise.

Sie lebe hoch, diese Art von Regionalkrimi!

Mit dem Bezug zu einer historischen Persönlichkeit aus der „Region“ hat dieser Kriminalroman einen wunderbaren Bezug auf die lokale Story – oder umgekehrt. Es ist somit kein Werk, das mit Scheuklappen lediglich Mord und die Marotten von Eingeborenen und Zugereisten in einer blumigen oder kargen Gegend beschreibt. Ich habe es gern und mit großen Interesse gelesen.

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Deutschland 2014

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