Marc Ritter: Stieranger

P1010008Es ist der schmale Pfad der Satire, auf dem sich Marc Ritter bewegt, wenn er in Stieranger  von dem Netzwerk erzählt, das der bairische Filz darstellt, – insbesondere von den politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen der Honoratioren dieser bekannten alpenländischen Gemeinde im Werdenfelser Land und zugereister Touristenboom-Gewinnler, sowie der Wiese namens Stieranger, die Begehrlichkeit bei Investoren lockt. Nur wenige Male gleitet er dabei kurzfristig in flachen Komödiantenstadel-Humor ab.

Und so ist es ein großes Vergnügen, dem windigen Lokalreporter Gonzo auf seinen Joggingtouren mit dem steinreichen zugereisten Investor Klammert zu folgen, zu der Karl-Heinz Hartinger, genannt Gonzo, von seinem  Arbeitgeber in Absprache mit dem Bürgermeister verdonnert wurde.

Bereits auf der ersten Runde stolpern die beiden Jogger über eine Leiche. Damit beginnt eine große Aktion der Vertuschung durch die Obrigkeit einerseits und andererseits das Erwachen des lokalen Fotoreporters aus der Mittelmäßigkeit seines derzeitigen Lebens. Er schnüffelt unter der Oberfläche der Heile-Welt-Gemeinde und entdeckt, was der Bürgermeister unter dem Teppich halten will, da die jüngsten Entwicklungen in der Stadt auch mit dessen Wohlbefinden und Zukunft in direktem Zusammenhang stehen. Gonzo wühlt auch in der braunen Vergangenheit des Ortes mit all den Ungereimtheiten und Kuriositäten, die sich in dieser Gegend besonders zu Ende der damaligen Naziherrschaft ereignet haben sollen. Tatsachen und Gerüchte aus dieser Zeit vermengen sich mit der Phantasie des Reporters und zum Schluss kommt der Ort noch einmal mit dem berühmten blauen Auge davon –  Gonzo dagegen plant, diese verwirrende Welt des Schnees, der Berge und der Nazis zu verlassen.

Neben der Vergangenheit zitiert Marc Ritter auch Aktuelles. Dabei wird die NSA-Affäre ebenso erwähnt wie die Gläubigkeit der Uli-Hoeneß-Anhänger, dass ihr Idol doch ein ehrenwerter Mensch sei. Einen beträchtlichen Teil nimmt auch die Neonazi-Szene ein mit dem Hinweis auf die ursprüngliche Fehleinschätzung der NSU-Morde.

Mit dieser Mixtur aus Kriminellen, Lokalem und Politischem hat Marc Ritter einen Roman geschrieben, der über einen überwiegend feinen Humor verfügt und mit Genuss zu lesen ist.

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Deutschland 2014

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