Für und wider Krimireihen

Die Liebhaber von Donna Leons Krimireihe sind gespannt wie jedes Jahr – und das nun seit mehr als zwei Jahrzehnten, was Commissario Brunetti heuer zu ermitteln hat und wie er gegen den kriminellen Filz in Venedig vorgehen wird. Sie werden auch wieder darauf achten, welche leckeren Gerichte Paola ihrem Gatten und den Kindern kocht, welchen Wein sie dazu trinken. Ansonsten aber wissen sie: Es wird sich in Brunettis Umfeld wenig ändern. Nachdem der Sohn nahezu zwanzig Jahre zur Schule gegangen ist, studiert er nun, Tochter Chiara wird nach wie vor die Schule besuchen, Patta wird Chef Brunettis sein, Signorina Elettra seit Beginn der Reihe das makellose, faltenfreie Bild einer Mittdreißigerin geben.

Es ist bequem für Leser, Brunetti wieder in gewohnter Umgebungzu folgen, bequem ist es aber besonders für die Autorin: sie braucht sich nicht die Mühe machen, neue Protagonisten zu entwickeln. Aber hätte sie nicht wenigstens Brunetti und dessen Umfeld einigen deutlichen Veränderungen und Alterungen gönnen können. Das gesamte Umfeld ist so statisch, dass es so langweilig erscheint wie ein Wohnzimmer, das noch immer im zweifelhaften Charme der 80er Jahre des letzten Jahrhundert erstrahlt.

Ich hoffe seit Jahren, dass neu tapeziert wird, Patta befördert wird, Brunetti Krach mit Paola hat oder irgendetwas, was zeigt, dass die Figuren leben, sie nicht immer dieselben Wege gehen, nicht immer den gleichen Mantel tragen.

Es geht auch anders, aber einige Autoren tun sich schwer.

So Åke Edwardson, der seinen Kommissar Winter zunächst nach dessen letzten Fall in Ruhestand ans Mittelmeer schickt, ihn dann Jahre später zu einem Comeback als Ermittler in Schweden verhilft. Da lobe ich Henning Mankell, dessen Kurt Wallander nach dem letzten Fall und der Alzheimer-Erkrankung nicht wieder als Kommissar hervorgekramt werden kann, dessen Entwicklung allerdings mehr am Leben und Sterben des malenden Vaters zu erkennen war, denn an eigenen Veränderungen. Jedenfalls ist es dem ebenfalls erkrankten Autor gelungen, in dieser Reihe einen Schlusspunkt zu setzen, bevor er zum Leidwesen seiner Fans das Schreiben aufgeben muss.

Das ist Michael Dibdin nicht gelungen. Als er 2007 starb, stand sein Held Aurelio Zen noch in der Blüte seines Lebens. Vorteil von Aurelio Zen war, dass er bei jedem seiner Fälle an einem anderen Ort Italiens ermittelte. Von Südtirol bis nach Sizilien war er in diversen Gegenden auf Verbrecherjagd. Ähnlich ist Agatha Christie mit ihrem Hercule Poirot verfahren, der sich bekanntlich im Orientexpress wie auf dem Nil und anderswo bewegt. Abwechselung durch Ortswechsel, nicht ungeschickt, um die Aufmerksamkeit an einer Reihe zu erhalten.

Bedauerlich auch der Tod von Andreas Franz, dessen 12. Band der Julia-Durant-Reihe von Daniel Holbe fertiggestellt wurde. Holbe setzte dann – offensichtlich mit weniger Erfolg – mit zwei weiteren Bänden die Reihe fort, bevor er, unter Mitnahme der Assistentin von Julia Durant in seine eigene fiktive Krimiwelt, eine eigenständige Reihe entwickelte.

Und es gibt Autorinnen, die in sozialen Netzwerken mit ihrem Lesepublikum über die Protagonisten reden, fast so als wären diese real existierend.

Wir erleben nicht nur in den Romanen, sondern auch auf den Facebook-Seiten der AutorenInnen die Entwicklung der Protagonisten mit.

Diskutieren mit Inge Löhnig, wie es denn nun weitergeht in der Beziehung zwischen Dühnfort und Gina, ob Gina bald Mutter wird.

Nele Neuhaus fragt gar ihre Leser um Rat, ob Pia ihren derzeitigen Familiennamen behalten soll, wenn sie ihren Lebensgefährten heiraten wird, oder ob sie so konservativ ist, den Namen ihres Zukünftigen anzunehmen.

Im nächsten Band der Reihe werden wir das Ergebnis sehen.

Es entwickelt sich in solchen Fällen etwas, gleich ob es nun eine ernsthafte Einbindung der Leser ist oder lediglich eine Marketingmaßnahme.

Eine Reihe als Marketingmaßnahme zur Kundenbindung, so sehe ich in etlichen Fällen die Manie, eine Reihe zu schreiben. Eine andere Art als die Fortsetzungsromane in Zeitschriften in der Vergangenheit. Das ist selbstverständlich nicht ehrenrührig oder unmoralisch. Nur sollte ein solches Vorgehen attraktiv dargestellt werden und eben nicht als plumpe Marketingmaßnahme oder eine Bequemlichkeit der AutorenInnen, neue Charaktere zu entwickeln, erkennbar sein.

Einfluss auf die Entstehung oder Fortführung von Reihen scheinen aber auch die Leser zu haben. Fiebern genügend von ihnen, nachdem sie den letzten Band gelesen haben, bereits dem nächsten entgegen, werden Verlag und Autor sich mit einem weiteren Buch der Reihe bedanken. Dabei ist der Wunsch der Leser nach Fortsetzung unterschiedlich motiviert. Hat man das Personal liebgewonnen oder sprechen Themen, die Fälle also, oder die Erzählweise an, möchten viele in dieser gewohnten Umgebung weiterlesen. Es liegt dann an den Autoren, dieses Interesse und die Gewohnheiten zu pflegen und zu erhalten. Das ist Simon Beckett mit seiner David-Hunter-Reihe bei mir nicht gelungen. Der erste Band, Die Chemie des Todes, hat mich fasziniert. Thema und besonders die Einblicke in die Arbeit eines forensischen Anthropologen bei der Ermittlung von Todesart und Todeszeitpunkt, in Die Chemie des Todes, der Verwandlung des Körpers bei Verwesung und die dabei ablaufenden chemischen, physikalischen und biologischen Prozesse, das alles hat mich sehr interessiert. Auch Band 2, Kalte Asche, hat mir sehr gefallen: Die Beschreibung des Dochteffekts, von dem man nicht schlüssig weiß, ob es ein Mysterium ist oder der Effekt tatsächlich eintreten kann. Aber da wurde schon ein Muster durchschaubar, dessen sich Beckett in dieser Reihe bedient: Stets agiert das kriminelle Element in der unmittelbaren Umgebung Hunters. Und in Nr. 3 und 4 der Reihe versuchte ich nur noch einen der Nahestehenden als Täter zu identifizieren. Es wurde langweilig und so war ich auch nicht betrübt, dass der Autor eine größere Pause beim Schreiben dieser Reihe eingelegt hat. Nach diesen Jahren der Pause erwarte ich den nächsten „David Hunter“ dann doch wieder mit Interesse und viele Leser dieser Reihe haben diese Fortsetzung auch gewünscht.

Beckett kommt dem Wunsch nach, genau wie Sir Arthur Conan Doyle, dem das ständige Verfassen neuer Holmes-Geschichten zu zeitaufwendig wurde. Zwar war 1893 zunächst Schluss mit Sherlock Holmes als in der Erzählung  Das letzte Problem (The Final Problem)  Holmes  beim Kampf gegen Professor Moriarty mit diesem zusammen ums Leben kommt, 1904 kehrt Holmes jedoch wieder zurück. Bis 1927 wird die Serie mit Erzählungen und zwei Romanen von Sir Arthur fortgesetzt. Den Anstoß  zur Rückkehr von Holmes war hierbei jedoch von einem Freund oder dem Verleger ausgegangen.

Wichtig für mich ist auch, dass es die Autoren mir ermöglichen und gestatten, in eine Reihe einzutreten und die Handlung und Protagonisten zu verstehen, ohne die Vorgänger-Bände – oder wie bei Conan Doyle vorhergehende Erzählungen lesen zu müssen.

Wenn das so ist, habe ich gar nichts gegen Reihen.

___________________________________________________________

Die hier genannten Reihen sind Beispiele aus tausenden und dienen lediglich exemplarisch der Darstellung einiger unterschiedlicher Erscheinungen von Reihen in der Kriminalliteratur.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Notizen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Für und wider Krimireihen

  1. Hallo Philipp,
    ich kann deinen Beitrag nur unterschreiben.

    Liebe Grüße
    Claudia

  2. Anni Bürkl schreibt:

    Hallo! Mein Lektorat bei Gmeiner achtet immer darauf, dass ein neuer Band für sich lesbar ist & gleichzeitig nix (nix Unnötiges) aus den Vorgängerbänden wiederholt. Funktioniert, was ich so höre. Neugierig werden auf andere Bände darf man ja, die Handlung jedes Bandes muss sich aber aus dem Band erschließen. Liebe Grüße.

  3. Anni Bürkl schreibt:

    🙂 Und teils sehr knifflig und viel Denkarbeit.

  4. WortGestalt schreibt:

    Der Artikel ist interessant! Ich lese seit Jahren bevorzugt Spannungsliteratur und habe eine Schwäche für Reihen, da mich die Weiterentwicklung der Figreun reizt. In meinen bevorzugten Reihen musste ich darauf bisher auch nicht verzichten.
    Was Du beispielsweise über Donna Leons Krimireihe schreibt, kann ich zwar nicht einschätzen, weil ich die Bücher nicht lese, aber es wundert mich ehrlich gesagt auch nicht 😉 , weil gerade die Außenwirkung dieser Reihe genau das vermuten lässt. Donna Leon hat mich bisher nie gereizt, weil die Bücher eben diese Wohnzimmer-ZDF-Attitüde haben (zumindest ist das meine subjektive Wahrnehmung) und so entsteht bei mir, ohne die Bücher zu kennen, der Eindruck, die Reihe ist irgendwo in der Zeit hängen geblieben und lebt nicht gerade von Innovationen.
    Anders sehe ich aber den Aspekt, zwischendurch in eine Reihe einstiegen können zu müssen. Ich erwarte das von einer Serie nicht, im Gegenteil. Ich verlange von einem Autor nicht, dass selbst der 6. Band der Reihe noch gänzlich ohne Kenntnis der Vorgängerromane verständlich ist. Der Fall selbst, bei einem Krimi, kann natürlich für sich stehen, aber die Figurenkonstellation hat ja eine gewisse Entwicklung (zumindest hoffe ich das ^^ ) im Verlauf der Reihe mitgemacht. Und eben diese verfolge ich am liebsten von Beginn an, mich reizt es gar nicht, in eine bestehende Reihe mittendrin einzusteigen, daher würde ich auch nicht erwarten, dass ein Einstieg zu jeder Zeit möglich sein muss. Mit dem zweiten Band habe ich nun auch schon ein paar Mal eine Reihe angefangen, würde aber beispielsweise nicht bei den Kühlfach-Krimis oder bei Nele Neuhaus den Wunsch verspüren, mir als erstes Band 3 oder 4 zu schnappen. 🙂

    • Philipp Elph schreibt:

      Manchmal ist der Einstieg in eine laufende Krimireihen wie das wahre Leben, in dem man einen neuen Job antritt, in eine andere Stadt zieht oder auf andere Weise neue Menschen kennen und schätzen lernt. Auch diese haben eine Vita, die zunächst unbekannt ist, von der im Laufe der Zeit Teile bekannt werden. Trotz meiner Unkenntnis kann ich mit diesen Menschen leben und sie achten, von denen niemand voraussetzt, dass ich mit ihrer kompletten Vergangenheit vertraut bin. So sollten sich mir auch die Protagonisten in Reihen nähern, wenn ich nicht alle ihre früheren Taten kenne.

      • WortGestalt schreibt:

        Eine interessante Sichtweise! Auch wenn ich meine Maßstäbe an Realität und Fiktion unterschiedlich ansetze und diese auch nicht als Vergleich heranziehen würde. Während ich im realen Leben mit den Menschen kommunizieren kann, bleibt mir bei Romanfiguren diese Möglichkeit nicht. Daher lese ich Reihen gern der Reihe nach, einen Anspruch auf die Möglichkeit, immer einsteigen zu können, erwarte ich bei Reihen einfach nicht.

        LG, WortGestalt

  5. Anni Bürkl schreibt:

    Auch wahr – mir persönlich ist als Leserin aber nicht jedes Thema nahe, sodass ich durchaus auch mal was auslasse, obwohl ich Fan eines Autors oder einer bestimmten Serie bin.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s