Gary Victor: Schweinezeiten

Exif_JPEG_PICTUREVerbrecherische Voodoo-Heiler, ein korrupter Polizeiapparat, der Staat desolat und von kriminellem Netzwerk überzogen. So stellt Gary Victor Haiti vor der Erdbebenkatastrophe des Jahres 2010 dar. Mittendrin Inspektor Dieuswalwe Azémar, einer der wenigen Beamten, die nicht korrumpierbar sind. Deshalb ein armer Kerl mit wenig Geld, das gerade reicht, um die nicht geringen täglichen Rationen aromatisierten Zuckerrohrschnaps zu kaufen und ab und zu eine der billigsten Nutten für ihre Dienste zu entlohnen. Dessen einzige Tugend neben der Unbestechlichkeit die Sorge um seine mutterlose Tochter Mireya ist, die er in die Obhut einer evangelikalen Kirche gegeben hat. In drei Tagen soll die Kleine zur Adoption ins Ausland gebracht werden, zu ihrem Wohl, raus aus dem Sumpf voller Verbrechen im Land.

Doch bis dahin muss der Inspektor noch das Mädchen einer Bekannten aus den Fängen eines Voodoo-Heilers retten. Die umgerechnet rund 270 € für die Auslösung des stark fiebenden Kinds kann die Mutter nicht bezahlen und so löst Azémar das Problem auf seine Weise: er erschießt den Heiler nebst zwei seiner Wächter.

Doch auch bei dem Adoptionsvorhaben der eigenen Tochter läuft nicht alles so, wie Papa Dieuswalwe es sich für seine Kleine wünscht. Es sind nicht die christliche Nächstenliebe, die die „Kirche vom Blut der Apostel“ leitet, sondern profaner Organhandel bestimmt das Handeln der Schwestern des Ordens und ihrer Hintermänner zu denen auch Azémars einstmals unbestechlicher Kollege gehört. Dieser erscheint Mireya in Gestalt eines Werwolfes mit einem Schweinegesicht, anscheinend im Traum. Der Vater kämpft um seine Tochter, will sie vor den Schweinen und den Schweinezeiten bewahren.

Gary Victor lebt in Haiti und ist einer der meistgelesenen Schriftsteller des Landes, in dem er als hoher Beamter verschiedenen Regierungen gedient hat. Bekannt ist er dort besonders für heftige sozialkritische und satirische Beiträge in Rundfunk und Fernsehen. Und dies ist einer seiner Romane, ebenfalls gespickt mit Kritik an den Verhältnissen in Haiti, geprägt durch Korruption und Cliquenwirtschaft sowie dem Einfluss anderer krimineller in- und ausländischer Elemente.

Victor zeichnet ein düsteres, trostloses Bild von Haiti, auch wenn es in diesem Voodoo-Krimi ansatzweise amüsante Szenen gibt, die aber immer wieder abgewürgt werden durch den Ernst des Alltags. Trotzdem: Ein begeisterndes Werk!

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Originaltitel: Saison du Porcs, 2009 bei einem kanadischen Verlag, dt. 2013 (Übersetzung: Peter Trier)

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8 Antworten zu Gary Victor: Schweinezeiten

  1. danares schreibt:

    Das ist ja schön, dass ich den Roman, den ich gerade lese, hier bei Dir wiederfinde. Ich werde noch einmal zurückkehren, sobald ich die Lektüre beendet habe… Viele Grüße!

  2. TW schreibt:

    .. ich werde in Leipzig auf der Buchmesse was zu ihm erzählen … http://www.litprom.de/termine/veranstaltungskalender.html?xfid=137 … TW

  3. zeilentiger schreibt:

    Das ist ja prima, hier noch eine zweite Perspektive auf das Buch zu erhalten. Danke für eure Hinweise!

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