Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

Exif_JPEG_PICTUREWie würde Mark Twain die Geschichte von Tom Sawyer wohl heute erzählen, 140 Jahre nach dem Erscheinen des Abenteuers?
Vielleicht so wie Joe R. Lansdale heute die von Stan.
Als Dreizehnjähriger zieht Stan 1958 in eine Kleinstadt in Osttexas, erlebt dort sein Abenteuer. Bis vor Kurzem hat er noch an den Weihnachtmann geglaubt, er ist recht einfältig und den Unterschied zwischen Männlein und Weiblein kennt er auch noch nicht so richtig. Im Gegensatz zu Tom Sawyer hat er allerdings ein richtiges Zuhause mit Eltern, Schwester, Küchenhilfe und dem Hund Nub. Alles in einem Kaff, in dem sein Vater ein Autokino betreibt. Stan hat viel freie Zeit und nur wenige Freunde. Deshalb trollt er sich oft mit Nub im nahegelegenen Wald herum. Eines Tages findet er dort ein Kiste mit Liebesbriefen und einem Tagebuch, geschrieben von einem Mädchen in der Zeit zu Beginn des 2. Weltkrieges. Als Stan ein paar Tage später noch mal am Fundort buddelt, stößt er auf die Überreste eines alten Hauses.
Und das ist der Ausgangspunkt zu dem Abenteuer, das dem Jungen bevorsteht, als er sich mit Morden aus der Vergangenheit beschäftigt, die in Zusammenhang mit seinem Fund stehen. Aber auch in der Gegenwart passieren unnatürliche Todesfälle, in die Stan unmittelbar und mittelbar verwickelt ist.

Dennoch fällt es schwer, diesen Roman als Krimi zu bezeichnen. In die Krimischublade ist dieses Buch auch von der Jury der KrimiZeit-Bestenliste gesteckt worden. Bestenliste, OK, aber ist es trotz bestimmter Elemente, die einen Kriminalroman auszeichnen, ein Krimi? Wenn ja, dann ist das Buch trotzdem und besonders ein Abenteuerroman, den Joe R. Lansdale aus der Sicht des Dreizehnjährigen zu schildern scheint. Der wirkliche Erzähler ist jedoch der 59-jährige Stan, ein Kriminalist, der diese Geschichte eines Sommers zum Besten gibt – und das in der Sprache seiner frühen Jugend.

Texas 1958, das ist noch eine Zeit, in der Rassentrennung strikt befolgt wurde – ob im Kino oder auf Friedhöfen – im täglichen Leben sowieso. Und die Rolle der Frau? Sie hatte ihrem Manne Untertan zu sein, jedenfalls war das nicht ungewöhnlich.

Es ist ein Roman aus einer anderen Welt, aus uralten Zeiten (von vor fast 60 Jahren!) und es bereitet Spaß, ihn zu lesen wie jene Abenteuer, über die Mark Twain einst schrieb.

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Original: A Fine Dark Line (USA 2003), dt. erstmals 2012, 2014 neu herausgegeben als Suhrkamp Taschenbuch (Übersetzung: Heide Franck)

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2 Antworten zu Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

  1. karu02 schreibt:

    Hm, das muss er dann gut hingekriegt haben mit der Sicht des 13jährigen. Ich kann es mir nicht so recht vorstellen, daher muss ich es wahrscheinlich lesen. Danke fürs vor-lesen.

  2. Pingback: Joe R. Lansdale: Das Dickicht | KrimiLese

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