Carla Berling: Sonntags Tod

Sonntags TodEin Krimi, der „in einem Land vor unserer Zeit“ spielt?

Ja und Nein!

Ja – Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an das sehr ländliche und kleinstädtische Ostwestfalen, das die Autorin Carla Berling in den 60ern und 70ern als Kind und Jugendliche erlebt hat. Stimmige Dorfidylle, schrullige Alte, sprachlich noch in der Vergangenheit verwurzelt. Dazu Menschen „vom anderen Ufer“, die auch innerhalb der Familie geächtet werden.

Nein – Auch Ostwestfalen ist in der Gegenwart angekommen, mit sterbender Infrastruktur im Dorf. Gehöfte werden umfunktioniert, Stallungen und Scheunen zu Wohnungen und Hofläden umgebaut.

Und so kommt es, dass die Journalistin Ira zur Beerdigung ihrer ehemaligen Freundin Verena zugleich in die Vergangenheit zurück geht und in der Gegenwart agiert. Ein Doppelbegräbnis, denn Verenas Ehemann hat sich, nachdem er seine Frau vergiftet hat, selbst getötet. Erweiterter Suizid. Es ist nicht die heile Welt, die Ira bei der Trauerfeier im Dorf ihrer Kindheit antrifft. Es ist Teil eines Dramas, dass sich hier und in der nahegelegenen Kurstadt Bad Oeynhausen über mehr als ein halbes Jahrhundert abgespielt hat.

Der Hof Eskendor ist der Ausgangspunkt für das Schicksal der Familie Weyer, ein Drama, das sich über drei Generationen hinzieht, in dem ein Enkel seinen Großvater erschießt, Gewalttätigkeit herrscht, Schwulsein als Krankheit gesehen wird, die herausgeprügelt oder weggebetet werden kann.

Und das alles in dieser scheinbar heilen Welt gestützt durch Tabus, Verdrängen und Totschweigen.

Diese Familien-Saga ist der erste Krimi, den die ehemalige Journalistin – und inzwischen Autorin mehrerer Bücher -, Carla Berling geschrieben hat, zudem ein recht gelungener. Das Buch lebt von Widerspruch von Dorfidylle und katastrophaler konservativer Denkweise bis in die Gegenwart hinein, zum Teil unglaublich, andererseits durchaus vorstellbar, dass ähnliche Konstellationen in unserer Nachbarschaft noch immer anzutreffen sind. Journalistin Ira recherchiert auf Hof Eskendor und in der Umgebung, bricht die Tabus und zeigt den Familienmitgliedern, was damals und kürzlich wirklich geschah, welchen Part Eltern und Kinder, Geschwister und Ehepartner in der Saga gespielt haben.

Sonntags Tod ist ein Krimi mit weitgehend schlüssiger Handlung. Mögen die ostwestfälischen Charaktere in wenigen Sequenzen auch auftreten wie einem Komödienstadel entsprungen – gemeint sind damit die beiden schrulligen, Stumpen rauchenden und Prösterchen machenden Tanten -, so wird die Geschichte doch überwiegend so erzählt, als sei sie authentisch. Und das ist für die Realisten unter den Krimifans ein großer Pluspunkt, allerdings mit viel ostwestfälischem Beiwerk.

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Erschienen 2013 als TB und E-Book, „self-published“ und in der 1. Auflage noch mit einigen Fehlern behaftet, über die man als Leser gern hinwegsieht.

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Eine Antwort zu Carla Berling: Sonntags Tod

  1. meikesbuntewelt schreibt:

    Dieses Buch habe ich ausgesprochen gerne gelesen. Ich bin zwar keine Ostwestfälin, fühlte mich aber doch sehr an das ländliche Niedersachsen erinnert. Gerade diese Liebe zum Detail fand ich sehr ansprechend. Und die allzeit bereitstehende Schnapsbuddel ließ das Buch nach Heimat riechen. Schön, dass du es gelesen und rezensiert hast Philipp.

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