John le Carrè: Empfindliche Wahrheit

Hochgejubelt und niedergemacht

Exif_JPEG_PICTUREHochgejubelt, weil John le Carré in seinem kürzlich in Deutschland erschienen neuen Roman die Ereignisse um Whistleblower Edward Snowdon vorwegnahm. So zu lesen in diversen Rezensionen. Niedergemacht ob der lausigen Übersetzung der deutschen Ausgabe.  (Der Bund)

Einigkeit herrscht darüber, dass die Story, wie bei Le Carré meistens üblich, gut recherchiert wurde. Ob denn ein Plot wegen der Whistleblower besonders beachtenswert ist, sei dahin gestellt. Es ist nicht der Begriff an sich, der sowohl im Roman als auch im wahren Leben so inhaltsträchtig ist, denn Whistleblower gab es bereits, als das Wort in dieser Bedeutung noch gar nicht existierte. Ein Prophet ist der Autor deshalb also lange nicht.

Das Ereignis, um das es geht, ist eine britische Geheimdienstoperation in Gibraltar. Sie läuft total aus dem Ruder. Statt einen Terroristen einzufangen, werden zwei Flüchtlinge in ihrem Versteck erschossen: Mutter und Kind. Dieses Ereignis, das ein publicity-süchtiger egomanischer britischer Minister mit einer amerikanische Söldnertruppe – der modere Begriff dafür ist: Privater Militärdienstleister – in Beisein eines kleinen britischen Spezialkommandos und eines unbedeutenden Diplomaten im Dienste Ihrer Majestät so kläglich versiebt hat, wird geheimgehalten. Der Diplomat erhält einen angenehmen Job in der Karibik, die britischen Soldaten bekommen eine lukrative Offerte vom „privaten Militärdienstleister“.

Und wäre da nicht ein kleiner Beamter des Ministers während der Planungsphase hellhörig geworden, wäre da nicht der ehemals unbedeutende Diplomat, von Le Carré als Unterflieger in Gegensatz zu Überfliegern bezeichnet, gewesen, und hätte nicht dieser Unterflieger einen der an der Aktion beteiligten Soldaten wiedergetroffen, dann wäre diese Nacht-und-Nebel-Operation im Nebel von Politik und Geheimdiensten unsichtbar geblieben. Doch so wollen die ehrlichen Drei die „empfindliche Wahrheit“ ans Tageslicht befördern. Anders als Snowdon gehen sie nicht den Weg in die Öffentlichkeit, sondern versuchen, nahe am „offiziellen Dienstweg“ gehend, die Wahrheit zu den Verantwortlichen in Geheimdienst und Ministerium zu transportieren. Und da sitzt die junge Garde, Funktionäre der Apparate, die nicht daran interessiert ist, das, was vor ihrer Zeit geschah, zur Kenntnis zu nehmen. Mit massiven Drohungen und sämtlichen Mitteln der (Polizei-) Gewalt verhindert sie es.

Was John le Carré hier fabuliert, ist eine Geschichte zur Zeit des Aufstiegs und der Macht der New Labour Regierung und dem Versagen eines ihrer Staatsminister. Mehr als 300 Seiten versteht es Le Carré, zügig und packend zu erzählen, während der nachfolgenden 100 Seiten möchte der Leser nur eins: wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ob denn nun die Übersetzung des Thrillers gelungen ist oder nicht, interessiert in dieser Phase nicht, nur Erfolg oder Misserfolg der Whistleblower. Snowdon hätte es anders gemacht. Vielleicht wäre es besser gewesen, der Autor hätte sich mit dem Erscheinen des Buches noch ein paar Monate Zeit gelassen und den Fall Snowdon partiell adaptiert. So ist es nur ein Thriller von altbackener Art, keineswegs prophetisch.

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Original: A Delicate Truth, UK 2013  (Übersetzung Sabine Roth, 2013)

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3 Antworten zu John le Carrè: Empfindliche Wahrheit

  1. karu02 schreibt:

    Danke für die Warnung, beinahe hätte ich es jemandem geschenkt.

    • Philipp Elph schreibt:

      Wie immer stellt meine Kritik meine persönliche Meinung dar, so wie ich das Buch erlebt habe. Andere Leser kommen in diesem Fall zu einem ganz anderen Ergebnis: „John le Carré in Höchstform“, heißt es bei der telefonischen Mord(s)beratung des WDR 5 vom 21.12.2013: http://www.wdr5.de/sendungen/tagesgespraech/literaturliste100.pdf
      Vielleicht wäre der von Dir Beschenkte begeistert von diesem Buch. Die Kritik im WDR 5 stammt von keinem Geringeren als Ulrich Noller, von dem berichtet wird:
      Noller studierte Literaturwissenschaft, Philosophie sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft.
      Heute arbeitet er als Radio-Journalist für den Westdeutschen Rundfunk, die Deutsche Welle und andere Sender. Außerdem gestaltet und moderiert er auch Krimi-Events. Noller ist Mit-Herausgeber des Krimijahrbuchs und Mitglied in der Jury der Krimiwelt Bestenliste. (Quelle: http://www.krimi-forum.net/Datenbank/Autor/fa002404.html)

      Und mit dem Hintergrund ist Herr Noller selbstverständlich der kompetentere Kritiker. Allerdings steht Herr Noller mit dieser überaus positiven, nahezu euphorischen Bewertung von John le Carrés neuestem Werk sehr einsam dar in der Welt der Kritiker dieses Buches.

      • karu02 schreibt:

        Du bist mir lieber. Es hat sich gezeigt, dass Deine Lese-Neigungen dem meinen meistens oder doch in vielen Fällen ähneln. Das ist wichtiger. Ich teile die Meinung der Oberkritiker selten. Du bist immerhin ein Leser, nicht verpflichtet zu irgendwas. Und ich bin auch nur eine Leserin. Schon das ist eine Parallele.

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