Zoë Beck – Brixton Hill

Exif_JPEG_PICTUREAm Tag, an dem das Buch erschien, wurde eine Diskussion losgetreten, ob es denn ein Thriller sei oder nicht. Das Buch als Thriller zu bezeichnen, das ist OK. Vielmehr ist es aber ein Kaleidoskop. Je nach Betrachtungswinkel ist es ein Familiendrama, eine GHBH-Story (Gute Hacker, böse Hacker), aber auch und besonders ein Roman, bei dem es um die raubeinige, teils kriminelle Gentrifizierung eines Londoner Kiezes durch Investoren geht, um Brixton Hill, um den herum die Immobilienpreise – und das ist Realität, nicht Fiction – in den letzten 20 Jahren um nahezu das Zehnfache stiegen.

So könnte jeder Leser für sich entscheiden, ob er mehr der einen oder der anderen Handlung folgen möchte, mehr Aufstieg und Verfall der  stinkreichen Bankiersfamilie Everett – zu der Emma gehört -, der Hacker-Story im Cyberspace aber auch in der Realität oder dem verzweifelten, aussichtslos erscheinenden Kampf der Bewohner von Brixton Hill und anderen „gentrifizierbaren“ Gegenden, sich gegen die Machenschaften von Geld und Macht zu wehren.

Aber wie bei einem Kaleidoskop, bei dem die Bilder sich überlagern, bei Drehen ständig ineinander übergehen, so ist es auch hier.

Nur sind es hier Erzählstränge, keine Kristalle.

Und diese Stränge hat Zoë Beck so geschickt verknüpft, dass zumeist zwei der Fäden, manchmal auch alle, zu einem einzigen versponnen sind, Schicksale und Machtspiele, nicht mehr unabhängig voneinander betrachtet werden können. Und das ist das faszinierende an diesem Thriller.

Dabei fängt alles so geradlinig an: Eventmanagerin Emma geht zu einer Geschäftsbesprechung zu Kimmy, deren Büro in einem der neu erbauten Luxushochhaus untergebracht ist. Dort kommt es zur Katastrophe als Klimaanlage und Strom ausfallen, alle Türen zu den Fluchtwegen blockiert werden und Rauch ausströmt. Damit kommt schon die Hackerszene ins Spiel, während Kimmy aus dem Fenster in den Tod springt, weil sie die Gefahr falsch einschätzt. Kurz darauf stirbt Em(ma)s Zwillingsbruder bei einem mysteriösen Brand in der gemeinsamen Wohnung, Em entgeht diesem Anschlag durch Zufall, erkennt jedoch, dass er ihr und nicht dem Zwilling gegolten hat. Doch zunächst bleibt ungewiss, wer es denn auf Ems Leben abgesehen hat – oder leidet sie nur an einer Art Verfolgungswahn, denn die Polizei nimmt ihre Vermutungen offensichtlich nicht ernst.

Es ist vorbei mit Ems scheinbar unbeschwertem Leben, und so versucht sie selbst Klarheit in die verwirrende Lage zu bringen, gerät dabei nach Brixton Hill und in das direkte Umfeld der Gentrifizierungsaktivitäten und deren Abwehraktionen. In die Welt von Geld, Macht, Gier und Korruption auf der einen Seite und die wenig erfolgreich erscheinende Seite aus Gegenwehr und die wachsenden Möglichkeiten und Einflussnahme von Hackern und Internetjournalisten.

Gegen Ende wird klar, das Böse lauert überall: Im realen Leben wie im Cyberspace und manchmal ganz nahe, in der eigenen Familie.

Em ist einen langen Weg gegangen, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Sie hat uns mitgenommen, mit ihr haben wir ihre Rätsel gelöst. Zoë Beck hat Emma und die Leser des Buches auf diese abenteuerliche Reise geschickt und ich bin dabei gewesen. Hautnah, so kam es mir vor. Und das ist das höchste Lob, was ich über einen Thriller abgeben kann.

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Erschienen 2013

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5 Antworten zu Zoë Beck – Brixton Hill

  1. richensa schreibt:

    Hört sich nach einer spannenden Lektüre für die Zeit „zwischen den Jahren“ an…

  2. Philipp Elph schreibt:

    Ist es!

  3. karu02 schreibt:

    Der Stapel wird immer höher. Ich fürchte, die Tage dazwischen reichen nicht.

  4. Philipp Elph schreibt:

    Es gibt auch Tage danach!

  5. Pingback: NEIN, einen Krimi schreib’ ich nicht! | KrimiLese

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