Marc Ritter: Bluteis

Exif_JPEG_PICTUREEin Thriller angesiedelt in den letzten beiden Jahren dieses Jahrzehnts. Ferne Utopie oder Realismus in naher Zukunft?

In Afrika steigen reiche Investoren unter der Leitung der größten Schweizer Bank Caisse Suisse in das Projekt Land Grabbing ein. Unterstützt werden die Aktivitäten durch die Osterbacher, einer lockeren, jedoch die Ökonomie und Politik der Erde bestimmenden Organisation von CEOs der größten Industrieunternehmen, Banken und Energieversorgern sowie führender Politiker der mächtigsten Staaten der Erde. Was als kapitalistische Weltverschwörung aussieht, soll dem hehren Ziel dienen, die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern. Gemeint ist aber nur die Versorgung Europas sowie die Mehrung des eigenen Reichtums, koste es, was es wolle. Geheimbündlerisch wird der Verlust von Milliarden von Menschen einkalkuliert.

Die brutale Form des Land Grabbings hatte schon dreißig Jahre zuvor eingesetzt. Afrikanische Kleinbauern wurden von ihren Felder vertrieben, Dörfer abgefackelt, Frauen vergewaltigt, darunter auch Kinsi. Die Kinsi, die durch Studien in den USA erkennt, wie sich das Wachstum der Weltbevölkerung explosonsartig entwickelt und die andere Pläne als die Reichen hat, die wachsende Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Kleinbauerntum auf dem afrikanischen Kontinent ist ihre und die Idee ihrer Mitstreiter.

Und so treffen diese beiden „Philosophien“ auf dem St. Moritzersee aufeinander. Während eines Ski-Jöring-Rennens zur Belustigung vieler Super- und Megasuper-Reichen, das gesponsert wird von eben jener größten Bank der Schweiz, wird die Eisfläche des Sees gesprengt. Hunderte Menschen ertrinken, darunter auch viele Super-VIPs. Aus dem Zelt der Caisse Suisse können einige Leute per Helikopter gerettet werden, doch ein Helikopter bringt die Geretteten nicht in die umliegenden Krnakenhäuser, sondern verschwindet mit seiner geretteten Fracht. Eine Entführung!

Vor Ort ist Thien Baumgartner, der im Auftrag eines amerikanischen Journals die Events des St. Moritzer Winters in Fotos festhalten soll. Leser von Marc Ritters Kreuzzug kennen ihn bereits als den Retter der nahezu aussichtslosen Situation auf der Zugspitze, ebenso sein Freundin Sandra. Während Thien auf dem See das Rennen fotografiert, schießt Sandra Fotos im VIP-Zelt der Bank. Als nun das Eis in Milliarden kleiner Stückche zerbricht, schafft es Thien, sich zu retten und will zu Sandra eilen. Aber die ist nicht mehr in dem zusammenfallenden Zelt.

Thien erfährt, dass sie wohl den Entführern in die Hände gefallen ist. Nun beginnt die Suche einerseits, aber auch die Verfolgung der Ziele sowohl der einen Seite mit dem Caisse Suisse-Boss und seinen Osterbachern als auch auf der anderen mit Kinsi und ihrer Truppe, die von den Etablierten als die Ungewaschenen bezeichnet wird.

Und wie bereits in dem Thriller Kreuzzug ist nicht leicht zu erkennen, wer denn nun zu den Guten oder den Bösen gehört oder wer die eine oder andere Gruppe infiltriert hat. Cyborgs kämpfen – aber nur für den, der gerade das richtige Smartphone als Steuerungsmechanismus in der Hand hält. Mit einem großen Showdown an einer exponierten Stelle in Europa geht der Thriller zu Ende. Wiederum ein Stück „große Oper“, die Marc Ritter hier für Thriller-Freunde inszeniert hat. Mit bekannten Mitspielern wie einer deutschen Kanzlerin – selbstverständlich auch ein Mitglied der Osterbacher -, die schon in der ersten Hälfte des Jahrzehnts im Amt war, mit dem CEO des größten Lebensmittelkonzerns – hier Varrée genannt – der Welt mit Sitz am Genfer See, dem die alte Geschichte mit dem Tod von afrikanischen Kindern, die mit der Babynahrung des Konzerns ernährt wurden, ebenso vorgehalten wird wie den Plänen zur Privatisierung des Trinkwassers dieser Welt. Dazu noch kommen noch einige Bekannte wie Thien und Sandra aus dem vorhergehenden Thriller. Dieser sollte zuvor gelesen sein, um einige Feinheiten des Plots zu verstehen.

Eine Utopie, die nicht nur Weltverschwörungstheoretikern durchaus vorstellbar ist. Eine Fiktion, die in wenigen Jahren in einigen ihrer dargestellten Facetten Wirklichkeit werden könnte. In manchen Dingen sind wir vermutlich näher an der Utopie als uns lieb ist.

Nun ist Marc Ritter kein George Orwell und auch kein Aldous Huxley, weil das, was er in diesen ökonomischen und politischen Sequenzen des Thrillers beschreibt, weniger visionär ist als es 1984 und Schöne neue Welt bei ihrem Erscheinen waren. Ein packender Thriller ist ihm aber auch mit Bluteis gelungen.

______________________

Erschienen: Deutschland 2013

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Marc Ritter: Bluteis

  1. karu02 schreibt:

    Kommt auf die Liste, danke.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s