William Shaw: Abbey Road Murder Song

London 1968 – „All you need is love“ war im Jahr zuvor erschienen, jetzt kommt „Yellow Submarine“ in die Kinos, John Lennon trennt sich von Ehefrau Cynthia, wendet sich vollends Yoko Ono zu – Swinging London

Biafra 1968 – Zehntausende sterben durch Völkermord. Das Bild des völlig unterernährten Jungen mit dem aufgeblähten Bauch geht um die Welt, Genozid durch Hungerblockade. Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien schaut zu – wie auch alle anderen Staaten.

Exif_JPEG_PICTURE Zur Zeit dieser Gegensätze wird in London die unbekleidete Leiche eines erdrosselten jungen Mädchens auf einem Müllhaufen gefunden. Detective Cathal Breen und Constable Helen Tozer finden heraus, dass die Tote ein Beatles-Fan war. Aber das ist für die Aufklärung des Falles von minderer Bedeutung. Die Ermittlungen führen sowohl zu den Eltern des toten Mädchens als auch zu Personen, die sich für die Unterstützung der verhungernden Menschen in Biafra einsetzen. Was zunächst undurchschaubar wirkt, gerade weil die Tote auf der Beatles-Welle mitgeschwommen zu sein scheint, wird bald sowohl eine Familientragödie als auch eine Angelegenheit, die nicht leicht zu erklären ist. Verblendung, falsche Einschätzung der Lage in Biafra und eine Art Spießbürgertum sind Basis für das, was im Krimi geschieht.

1968, das war noch eine andere Welt. Auch bei der Polizei. Als Helen Tozer ihre Probezeit als Constable bei Detective Breen antritt, ist das Criminal Investigation Department noch fest in Männerhand. Kolleginnen dürfen kaum mehr Akten sortieren und Kaffee kochen. Es ist ihnen nicht erlaubt, Polizeifahrzeuge zu fahren oder Befragungen durchzuführen. Frauen im Dienst sind unerwünscht, werden mit sexistischen Sprüchen überhäuft. Doch Tozer bringt Schwung in den Laden. Sie hilft ihrem verklemmten Chef, weil sie sich in der Beatles-Szene auskennt. Sie fährt das Polizeiauto als Breen noch Malessen mit seinem Arm hat. Er war beim Versuch, die Katze eines kleinen Mädchens zu retten, vom Baum gefallen. Der Detective ist in seinem Department genauso ein Außenseiter wie Helen Tozer, nur auf andere Art: Er läßt einen Kollegen im Stich, der offensichtlich von einem Messer schwingenden Dieb bedroht wird, wohnt nicht in der „richtigen“ Gegend, ist nicht korrupt. Ist nicht „einer von ihnen“.

Die Story beginnt zunächst schwerfällig und wird erst munterer als Constable Tozer in der erfrischenden Art eines unbefangenen Landeis auftritt. Fahrten über Land zu den Eltern des toten Mädchens und die Ereignisse dort, einige Szenen in der Beatles-Fan-Gemeinde und die scheinbar schillernde Welt der Biafra-Exulanten und -Unterstützer bringen Bewegung und Farbe in den Plot.

Ein Kriminalroman, der ein wenig den Geist jener Zeit schildert. So schön war das, was uns von „Swinging London“ der Jahre um 1968 in Erinnerung geblieben ist oder den Jüngeren erzählt wird, denn doch nicht. Der Krimi beschreibt, dass neben dem „Aufbruch“ mit Peace und Revolution noch überwiegend Spießigkeit herrschte und auch Grausamkeiten wie in Biafra.

Wer allerdings auf Grund des Klappentexts glaubt, beim Lesen tief in die Welt der Beatles und deren Fans einzutauchen, der wird enttäuscht sein. Diese Facetten werden nur in kleinerem Maße tangiert.

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Originaltitel: A Song From Dead Lips, UK 2013, dt 2013 (Übersetzung: Conny Lösch)

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