Viveca Sten: Mörderische Schärennächte

Exif_JPEG_PICTUREHeute ein toter Psychologiestudent an einem Lampenhaken an der Decke hängend und ein 50jähriger schwerkranker, an MS erkrankter ehemaliger Elitesoldat ertränkt in einer Badewanne, 1976/77 die Geschichte sadistischer Ausbildungsmethoden bei den Küstenjägern im idyllischen Stockholmer Schärengarten, niedergeschrieben im Tagebuch eines Beteiligten.

Ausschnitte aus dem Tagebuch werden parallel zu Entwicklung und Ablauf einer Reihe von Todesfällen in die heutige Geschichte eingeflochten. Todesfälle, die zunächst wie Selbstmorde aussehen. Aber es gibt im Stockholm der Autorin Viveca Sten glücklicherweise Kommissar Thomas Andreasson, der sich nicht erklären kann, weshalb ein glücklicher Student tot an einem Lampenhaken baumelt und kurz darauf ein schwerkranker Mann, der sich kaum noch bewegen kann, im Alkoholrausch in eine Badewanne hüpft und sich darin ertränkt.

Die Bedenken des Kommissars, den wir hier in seinem vierten Fall erleben, sind natürlich berechtigt. Ungeklärt bleibt jedoch zunächst, wie der Zusammenhang zwischen diesen beiden Todesfällen und zwei weiteren ist. Während Andeasson noch im Nebel der spätsommerlichen Schärenlandschaft stochert, erschließt sich dem Leser durch die Tagebuchauszüge bereits schneller die Wahrheit – oder zumindest ein Teil davon: Die unmenschliche Schikanen eines Feldwebels gegenüber seinen Rekruten müssen der Schlüssel für die Morde sein. Dort ist der Grund zu suchen. Es erscheinen im Verlaufe des Roman einige Personen, denen es zuzutrauen ist, die Geschichte von damals zu rächen oder zu vertuschen. Motive gibt es unterschiedliche und es dauert, bis Thomas Andreasson mit Kolleginnen und Kollegen und auch besonders – und wie üblich in den bisherigen Fällen – mit seiner alten Sandkastenfreundin Nora Linde darauf stößt, was den Rekruten, die den Traum vom Elitesoldaten als schwedischer Küstenjäger träumten, während ihrer Ausbildung widerfahren ist. Was Auslöser für die unnatürlichen Tode ist und wer die alte Geschichte zum Abschluss bringen will.

Es ist eine bewegende Story, die hier in Tagebuchausschnitten geschildert wird. Fiktion, jedoch – wie Viveca Sten im Nachwort betont – basierend auf realen Vorkommnissen. Vorkommnisse, die ich am eigenen Körper und Geist in weniger brutaler Form, aber dennoch nahezu unerträglicher Weise mit anderen Kameraden Mitte der 60er Jahre bei der Bundeswehr zu spüren bekommen habe. Möglicherweise ist das der Grund, weshalb mich dieser Roman so gefesselt hat, sicherlich aber auch die Art, wie die Autorin es geschafft hat, die Spannung bis nahezu zum Schluss zu steigern, Zeitdruck und ein böses Wetter im Schärengarten erhöhen dabei die Dramatik. Darüber hinaus nimmt der Leser, der mit den Fällen von Thomas Andreasson vertraut ist, Anteil am Leben von Nora Linde, der nach Trennung von ihrem Mann eine kleine Romanze bevorsteht – sie sei ihr gegönnt!- und an der wieder aufkeimenden Beziehung von Thomas zu seiner Ex-Frau und den Folgen daraus – ihnen alles Gute für die Zukunft!-. Und wenn dieses Buch gelesen ist, warten wir auf den Fall Nr. 5, der im nächsten Jahr in Deutschland erscheinen wird. Der soeben in Schweden veröffentlichte 6. Fall für Thomas Andreasson ist von Viveca Sten für Frühjahr 2015 bei uns angekündigt.

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Originaltitel: I natt är du död, Schweden 2011, dt. 2013 (Übersetzung: Dagmar Lendt)

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 27.05.2013 auf http://philipp1112.wordpress.com

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