Patrícia Melo: Leichendieb

Wenn man ein Verbrechen wie dieses begeht, sind die Probleme nicht die anderen. Und noch viel weniger die Realität oder die Indizien. Das Problem wird man selbst.

Exif_JPEG_PICTUREDer Manager hat einer seiner Mitarbeiterinnen eine Ohrfeige verpasst und sich nach dem Selbstmord der Frau von Sao Paulo aus in ein Kaff nahe der brasilianisch-bolivianischen Grenze verdrückt. Aber das ist nicht das Verbrechen, über das der Aussteiger sinniert.

Es ist auch nicht der Fund von einem Kilo Kokain, das er kurz nach dem Absturz eines Privatflugzeugs an sich nimmt, während der Pilot stirbt. Auch nicht das Dealen mit dem Stoff.

Sondern das Verbrechen ist, dass er die Eltern des toten Piloten erpresst, nachdem der richtige Einstieg in das Drogengeschäft mächtig schief gelaufen ist und er sich in Geldnot befindet.

Aber ist es wirklich ein Verbrechen? Als das abgestürzte Flugzeug von der Polizei gefunden wird, ist der Leichnam verschwunden. Die Mutter des Toten zerbricht daran, dass der Sohn nicht wieder auftaucht – tot oder lebendig. Sie kann das Kapitel „Sohn“ nicht abschließen. Genauso wenig wie die Mutter des Ich-Erzählers es tun konnte, als der Vater verschwand ohne Wiederkehr – weder tot noch lebendig. Und da kommt er zur Hilfe.

Ist es überhaupt ein Verbrechen, wenn er versucht, der Trauer der Pilotenmutter ein Ende zu machen? Er – der namenlose Ich-Erzähler – hat da schon seine eigene Moral.

Von der Erzählweise erinnert dieser 200seitige Thriller an Don Winslows „Zeit des Zorn“: knappe Sätze, auf die Wiederholung von Satzteilen wird verzichtet, Monologe geschrieben wie gedacht, sprunghaft die Gedanken. Mal redet er, mal ein anderer – in einem Satz – dennoch für den Leser nachvollziehbar, verständlich. Jedoch ohne die Brutalität in Winslows Werk.

Es ist nicht immer thrillerhaft, wie Patrícia Melo erzählt, aber dennoch spannend, weil man erfahren möchte, wie er mit seiner Moral überleben wird – oder auch nicht.

Sicherlich ein Thriller, der aus dem heute üblichen, durch Brutalität gekennzeichneten Genre-Rahmen herausfällt, dazu kommt das Buch sogar ohne einen Mord aus (Selbstmord ausgenommen).

Es ist bereits der 6. Kriminalroman, der von Patrícia Melo in Deutschland erschienen ist. „Leichendieb“ fiel mir auf, als er vor einigen Monaten die KrimiZEIT-Bestenliste anführte, zu Recht!

________________________________________________

Originaltitel: Ladrão de Cadáveres, Brasilien 2010, dt 2013 (Übersetzung aus dem Porugiesischen von Barbara Mequita)

_________________________________________________

Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 12.09.2013 auf http://philipp1112.wordpress.com

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Patrícia Melo: Leichendieb

  1. Pingback: Patrícia Melo – Autorin von “Leichendieb” – erhält den LiBeraturpreis 2013 | KrimiLese

  2. karu02 schreibt:

    Ist notiert, danke.

  3. Pingback: Deutscher Krimipreis 2014: Die Gewinner | KrimiLese

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s