Merle Kröger: Grenzfall

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Von Stettin bringen Schleuser 1992 eine Gruppe, der die Roma Giorio und Eudache aus Rumänien angehören, über die Grenze nach Deutschland. Während die illegal Einreisenden in einem Kornfeld darauf warten, von ihren Freunden abgeholt zu werden, fallen Schüsse, die beiden Roma sterben. Jäger hätten sie mit Wildschweinen verwechselt, so wird lax ermittelt. Die Schützen werden viele Jahre später nach einem laschen Prozess vom Gericht freigesprochen. Das Schicksal der Familien der Opfer kümmert niemanden.

Dieses Ereignis zur Zeit der Wende ist Grundlage und Ausgangspunkt für Merle Krögers Roman „Grenzfall“, der als Kriminalroman deklariert, mit dem Deutschen Krimipreis 2012 ausgezeichnet wurde und doch mehr als ein simpler Krimi ist. Es ist eine erschütternde Geschichte, die nachdenklich stimmt. Ein Buch mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik aber auch – wie es an anderer Stelle bezeichnet wurde – ein Abenteuerroman.

Fiktion

Marius ist ein Roma und mit seiner Familie aus Rumänien nach Deutschland gekommen, untergekommen in einem Asylantenheim im nordöstlichen Zipfel Deutschlands. Der Asylantrag läuft noch, als er kurz in sein Heimatdorf reist, um Papiere beizubringen. Die Wieder“Einreise“ nach Deutschland ist wiederum illegal. Mit ihm und anderen kommt Nicu, der auf dem Weg zur Schwarzarbeit nach Süddeutschland ist, nachts über die Grenze und dann passiert es. Während sie darauf warten, von Landsleuten aus dem Grenzgebiet abgeholt zu werden, werden sie Opfer von Jägern, die sie mit Wildschweinen verwechseln. Die Jäger werden freigesprochen, um die Hinterbliebenen kümmert sich keiner.

20 Jahre später, Marius Familie ist damals nach Rumänien abgeschoben worden, nachdem das Asylantenheim abgefackelt wurde, kehrt seine Tochter zurück nach Deutschland, nun als Einwohnerin eines EU-Landes legal. Sie sucht die Stätten auf, an denen sie gelebt hat und den Acker, auf dem ihr Vater starb, nimmt Kontakt auf zu einem der Jäger. Der wird aus dem Fenster geworfen, stirbt und die Romni wird unter dem Verdacht, den Jäger ermordet zu haben, verhaftet.

In diese Situation platzt die unstete Mattie, eine Halbinderin, als sie zunächst die Verwandtschaft des anderen damals Getöteten auf einem abgelegenen Parkplatz in Berlin kennenlernt und die Geschichte wieder aufrollt. Sie hat gerade einen Job bei Menschenrechts-Anwälten in Berlin aufgenommen, reist aber zunächst ohne deren Wissen nach Rumänien zur Witwe Nicus und kommt mit beider Tochter zurück, um das noch existierende Konto des Vaters aufzulösen und die Familie aus einer prekären Situation zu befreien. Die Anwälte übernehmen das Mandat für die verhaftete, aufgrund ihrer Herkunft bereits als Mörderin vorverurteilte junge Frau und stellen Schadensersatzansprüche im alten Fall.

Während im Nordosten Deutschlands der Landtagswahlkampf tobt, die NPD-Kandidaten immer noch die gleiche Ablehnung Migranten uns insbesondere „Zigeunern“ gegenüber haben wie vor 20 Jahren, mit diesen Vorbehalten munter in den Wahlkampf ziehen – und recht viele potenzielle Wähler rekrutieren – zeigt das Buch, dass sich in den letzten Jahrzehnten in den Köpfen vieler noch nichts bewegt hat.

Dank an die Autorin

Es ist erschütternd. Gleich wie man zur Einwanderung von Roma und Sinti nach Deutschland steht, es zeigt die Trostlosigkeit und die Perspektivlosigkeit vieler dieser Leute in ihrer alten und ihrer neuen „Heimat“. Insbesondere beschreibt es aber auch, wie schwierig es ist, die Wahrheit zu finden, wenn Gewinnler, Täter und die, die weggeschaut haben auf die Aufklärung gern verzichten möchten.

Dies ist ein ungewöhnlicher Krimi. Dank an Merle Kröger, dass sie dieses Buch geschrieben hat. Ein Stück Zeitgeschichte, das es wert ist, erzählt zu werden! Kein Ruhmesblatt für viele. Denn so wie sie es erzählt, könnte es sich zugetragen haben.

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Erschienen: Deutschland 2012

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 17.96.2013 auf http://philipp1112.wordpress.com

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