Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

Exif_JPEG_PICTUREDas Buch ist ausgelesen, zugeklappt. Die Gedanken kreisen noch um Ilka Senner, die nicht mehr ganz junge Bedienung aus der Kneipe “Charly’s Tante”. Ilka ist verschwunden. Es ist schon ein seltsames Schicksal, das Friedrich Ani beschreibt.

Eine Vermissung – und Tabor Süden muss wieder ran, inzwischen seit einiger Zeit als Privatdetektiv unterwegs, nicht mehr als Kommissar im Münchener Kommissariat für Vermisstenfälle wie in den ersten Folgen dieser Reihe. Die Auftraggeber, ein Kneipierehepaar und ihre Stammgäste haben Geld zusammengekratzt, damit Ilka wiedergefunden wird. Süden hat den Auftrag bekommen und nach seiner Methode, zwischen vielen Lügen die Wahrheit zu finden, geht er nun vor – immer in der Hoffnung, die Vermisste irgendwo und lebend zu finden.

Nach und nach stellt sich heraus, dass die verschwundene Frau über viele Jahre eine schwere Bürde getragen hat, ein Geheimnis, das sie keinem mitteilen wollte, durch dessen Existenz Ilka jedoch immer wieder an Grenzen stößt und das es schwer macht, die Erwartungen der Umgebung zu erfüllen. Und als Ilka wieder einmal solchen Erwartungen ausgesetzt ist, verschwindet sie aus ihrem bisherigen Leben. Es ist nicht ein Leben mit Lügen, sondern Ilkas Leben ist die Wahrheit. Die zu erkennen ist es, was Tabor Süden das Ermitteln so schwer macht. Wie Friedrich Ani bereits im ersten Tabor Süden-Roman (Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels) seinen damals noch als Ich- Erzähler auftretenden Ermittler sinnieren lässt: Es ist oft schwer, die Zusammenhänge zu begreifen, den Menschen und sein Zimmer, das er unsichtbar mit sich herumträgt und in dem nur er sich auskennt. Wenn wir nicht begreifen, welche Art Zimmer jemand bewohnt, begreifen wir nichts. Süden findet dieses Zimmer, Süden begreift. Und so findet er den Zugang zum Leben von Ilka und Ilka selbst. Wenn dann am Schluss des Romans das Opfer sowohl Opfer bleibt als auch Täter wird, so bleibt nach dem Lesen die Opferrolle dominant in den Gedanken des Lesers zurück und mit ihm Betroffenheit.

Der ehemalige Hauptkommissar und jetzige Privatdetektiv wurde von seinem Autor nun schon rund ein Dutzend Mal auf die Suche nach Vermissten geschickt. „Vermissungen“ ist das Spezialgebiet und immer wieder sind es eigenartige, zum Teil bewegende Fälle um die es geht. Genauso ist es bei diesem Fall heimlichen Lebens. Für die Allgemeinheit ein unspektakuläres Leben, für das Individuum ein bitteres, schweres Los, das da beschrieben wird. Ich denke noch dran und bin dankbar, dass mir dieses Los erspart geblieben ist.

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Erschienen: Deutschland 2012

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 05.08.2013 auf http://philipp1112.wordpress.com

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