Marc Ritter: Kreuzzug

Beim Lesen eines Thrillers deutschen Ursprungs ins Schwärmen zu geraten, das ist selten bei mir. Hier ist es passiert:

Marc Ritters „Kreuzzug“ ist der beste Thriller des Jahres 2012, der von einem deutschen Autor stammt. Schauplatz ist die Zugspitze, die Bahnen hinauf, die nähere Umgebung und insbesondere der Berg in seinem Inneren.

Tatort Zugspitze: Am Dreikönigstag wird die Zugspitzbahn im Tunnel eingesprengt, Seilbahnen außer Betrieb gesetzt, 5000 Skifahrer, Snowboarder und andere Touristen hängen in den Restaurants und dem Zugspitzplatt als Geiseln fest, zudem 200 Fahrgäste im verschütteten Zug der Bahn. Das Werk von Terroristen. Oberflächlich betrachtet eine einfache Geschichte, bei näherem Hinsehen jedoch äußerst komplex, besonders wenn es um die Drahtzieher dieses Vorfalls geht.

 Ein Horrorszenarium erster Klasse, darin BKA, Bundeswehr, Rotes Kreuz, THW sowie – Achtung!- das CIA. Höchste politische Instanzen bis hoch zur Bundeskanzlerin versuchen, die Lage richtig zu erkennen und Maßnahmen zu ergreifen, die Geiselnahme zu beenden.

In den Nebenrollen: ein profilierungssüchtiger adeliger deutscher Verteidigungsminister mit ebensolcher Ehefrau, ein nicht minder mediengeiler bayrischer Ministerpräsident, jede Menge Boulevardpresse und Vertreter vom Fernsehen, erpicht auf die große Story. Heißt es doch so schön am Ende des Buches: „Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Handlungen und Ereignisse sind frei erfunden.“ Ich glaub’ es nicht! Gerade die Anspielungen auf bestimmte Personen sind äußerst delikat, köstlich! Satire der feinen Art!

In den Hauptrollen: Terroristen soweit sie sich zeigen, Handelnde der Krisenstäbe, die je nach Situation Verantwortung wegschieben oder an sich reißen wollen wollen, besonders aber ein Einheimischer mit vietnamesischen Wurzeln, der aus dem Zug heraus eine Befreiungsaktion plant.

 Das Szenario insgesamt: verzwickt, die gesamte Aktion zunächst äußerst mysteriös.

Das Fürchterliche: Eine Story, erdacht von einem genialen Autor, aber was wäre wenn?

Was wäre, wenn sich solch eine Aktion tatsächlich einmal geplant und durchgeführt würde?

Dann: Armes Deutschland!

 Bei allem Fiktiven: Marc Ritter beschreibt den Berg mit viel Detailkenntnissen. Das Reagieren der großen Politik, der lokalen Koordinatoren und das Agieren der Massenmedien zeugt von Insiderwissen, sowohl eigenem als auch dem anderer Quellen, die Ritter für seinen Roman erschlossen hat. Und es geht ihm um den großen Rahmen in diesem Drama, aber um einige persönliche Verhaltensweisen und Befindlichkeiten der Beteiligten, nie jedoch um eine möglichst brutale Darstellung abscheulicher Mordtaten und auch nicht um das große finale Showdown. Im Gegenteil, die Story endet zwar mit einigen Überraschungen, aber unspektakulär eher langweilig (das is einer der wenigen Schwachpunkte in 150 Kapiteln auf über 500 Seiten).

Es ist nicht so wichtig, „was hinten rauskommt“, sondern das, was sich mittendrin und drumherum ereignet. So ist dieser Roman unter anderem ein Lehrstück im Umgang mit einer Katastrophe, nett eingepackt – teilweise mit herrlichen Seitenhieben auf die Politik und Politiker in unserem Lande –  und insbesondere ein kurzweiligen Thriller.

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Erschienen: Deutschland 2012

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 24.11.2012 auf http://philipp1112.wordpress.com

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Eine Antwort zu Marc Ritter: Kreuzzug

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