Aline Kiner: Galgenmann

Ein düsterer Krimi aus einem düsteren Lothringen. Erdrückend, weil er im Gebiet ehemaliger Bergwerke spielt, die inzwischen verlassen sind, deren Stollen einstürzen und Spalten – Narben – in der Landschaft hinterlassen sowie Kumpel, die ihre Arbeit mit der Stilllegung der Zechen verloren haben, deren Häuser und Dörfer verfallen. Bedrückend, weil in dieser Gegend durch wechselnde Zugehörigkeit zu Frankreich und Deutschland – je nach politischer und Kriegs-Lage – die Menschen hin und her getrieben wurden, sowohl physisch als auch psychisch.

Nach Abzug der Deutschen wird ein Barbesitzer, der als Kollaborateur gilt, von Mitgliedern der Résistance auf dem Friedhof nahe der Statue des Dieu Piteux, dem Gott des Erbarmens, erhängt. Es ist der Heilige Abend 1944. 60 Jahre später wird in Mädchen in einer Felsspalte ermordet aufgefunden. Erwürgt, aber versehen mit einem Strick, gebunden und geknotet wie beim Dieu Piteux. Und es ist nicht die erste Tote, die in solch einer Felsspalte gefunden wurde, 11 Jahre zuvor gab es einen ähnlichen Leichenfund. Es wird auch nicht der letzte sein. Dabei kommt der Statue eine besondere Bedeutung zu, auch weil in ihrer Nähe Zeichen auftauchen: Ein Galgenmann-Spielchen.

Kommissar Dreemer hat die Aufgabe, zu ermitteln. Er aus Paris gerade in die Provinz staftversetzt, wird unterstützt durch eine Kollegin, die im Dorf aufgewachsen ist.

Es ist nicht leicht für die Ermittler, in dieses Dunkel und die alten Geschichten der Gegend einzudringen, auszuleuchten, was Verrat ist, was Verzeiflung, Hass oder Eifersucht. Nur wenige Bewohner des kleinen Dorfes haben die Vergangenheit abgehakt, andere sehnen sich noch nach Gerechtigkeit, so wie sie sie empfinden.

Die Autorin ist in der Gegend, die sie beschreibt aufgewachsen. Wenn auch die Handlung frei erfunden ist, so bezieht sie sich doch auf die trostlose Wirklichkeit dieser aufgelassenen Industrielandschaft und auf eine Gruppe von Menschen, die viel Leid in der wechselvollen Geschichte Lothringens erlebt haben.

Alles geht seinen Gang. Dazu bedarf es keiner Action. Einfache Personen handeln auf einfache Weise – das wird in dem Buch auf faszinierende Weise erzählt.

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Originaltitel: Le jeu de pendue, Frankreich 2011, dt.2012 (Übersetzung: Ingrid Kalbhen)

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 31.08.2012 auf http://philipp1112.wordpress.com

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