Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben

Eine interessante Geschichte erzählt Nele Neuhaus. Sie ereignet sich in einem kleinen Ort im Taunus, nicht weit von meinem Wohnort entfernt.

Allerdings kenne ich dort niemanden – und wären die Handelnden tatsächlich existent,  legte ich keinen Wert darauf, auf dieses Menschenpack, das Mörder deckt und zulässt, dass ein Unschuldiger  aufgrund von Indizien zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Oder war er es doch, der die beiden Siebzehnjährigen getötet hat? Tobias kann sich nicht daran erinnern, was vor mehr als zehn Jahren im Alkoholrausch mit ihm und den Mädchen passierte. Auch heute nicht als er nach endlich aus dem Gefängnis entlassen wird.

Die Dorfbewohner sind empört, dass der Entlassene zurückkehrt, und wir lernen sie alle kennen, den Vater eines der ermordeten Mädchen, der sich allabendlich im Gasthaus betrinkt und nun erklärt, er wolle den Mörder seiner Tochter umbringen, Amelie – die minderjährige Bedienung des Lokals -, die ein gutes Verhältnis zum sogenannten Dorftrottel hat und sich dafür interessiert, was damals wirklich geschah. In dem inzwischen herunter gekommenen Elternhaus von Tobias erleben wir neben dessen Vater auch den Paten des Dorfes, einen äußerst dubiosen zwielichtigen Unsympath. Es ist der Unternehmer Terlinden, bei dem große Teile der Dorfbevölkerung arbeiten, dem alle hörig zu sein scheinen. Er bietet Tobias einen Job in seinem Unternehmen an.

Während Tobias sich sich dafür verantwortlich fühlt, dass seine Eltern von allen im Ort gemieden werden, ihre Ehe zerbrochen und das Anwesen total verlottert ist, überlegen sich die Dorfbewohner, wie sie den Mörder wieder loswerden. Jedes Mittel ist ihnen Recht und folglich gerät der Ex-Knacki in gefährliche Situationen.

Tobias versucht, wieder Ordnung in sein Leben und in Haus und Hof zu bringen, die einzigen Personen, die ihn dabei unterstützen sind Nadja, einst Mitschülerin, heute Fernsehstar, und die schillernde Berliner Göre im Gothic Look, Amelie.

Inzwischen wird die Leiche des einen Mädchens gefunden und die ermittelnde Kommissarin Pia Kirchhoff erkennt, dass Tobias wohl nicht für den Tod verantwortlich ist.

Es stellt sich heraus, dass der autistische, ungerechterweise als Dorftrottel bezeichnete Sohn des unsympatischen Unternehmers Augenzeuge der Taten war. Er hat alle Szenen der beiden Taten akribisch gezeichnet – mit allen der damals Beteiligten.

Der Kommissarin gelingt es, mit ihrem Chef und dem Team des Kommissariats aus dem benachbarten Hofheim die Vorgänge der Taten zu rekonstruieren, die tatsächlichen und ehrenwerten Täter und Obervertuscher zu entlarven.

Beinahe kommen im Verlauf der Ermittlungen auch noch die zu Tode, die wesentliche Hinweise geben konnten.  Ganz ohne Sterben geht es allerdings auch nicht ab. Und schließlich taucht die Leiche des zweiten Mädchens auf. Das sollte damals in einer Schultheateraufführung das Schneewittchen spielen – aber Schneewittchen musste sterben.

Dies ist ein spannender Krimi, der leider nur zu oft unterbrochen wird durch Schilderungen des Umfeldes der Kommissare und deren Familienangehörigen, Geschichten, die selten in Zusammenhang mit dem Plot stehen.

Dieses Buch sollte allerdings nicht der Platz sein, die Haute volée der reichen Taunusgemeinden zu schildern, zu dem es Nele Neuhaus macht.  Man hat den Eindruck, dass die Autorin den einen oder anderen Charkter oder Spezi aus ihrem Tennisclub,  Damen-Diskussionskränzchen oder Reitstall hier  noch einbringen wollte, ihm sozusagen ein kleines Denkmal gesetzt hat. Dadurch wird das Buch einerseits auf mehr als 500 Seiten aufgebläht, andererseits lenkt es durch die überflüssigen Füllsel vom Thema ab.

Trotzdem spricht die Geschichte an, folgt sie doch inhaltlich keinem üblichen Standard-Krimimuster obwohl hier eine im Krimi-Genre übliche  Locked-Room-Mystery dargestellt wird.

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Erschienen: Deutschland 2010

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 13.09.2010 auf http://philipp1112.wordpress.com

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