Donna Leon: Schöner Schein – Commissario Brunettis achtzehnter Fall

Wieder ein Roman aus dem Leben und Land des Commissario Brunetti, „wo die Leute, die gegen das Gesetz verstoßen, selten mit einer Strafe rechnen müssen“.

In diesem Fall geht es um die Verschiebung von chemischem, radioaktiv verseuchtem Sondermüll, sowie kontaminierte Krankenhausabfälle unter dem Patronat der Camorra aus Norditalien in die dritte Welt und nach China unter Mitwirkung reicher Geschäftsleute.

Schon im ersten Satz des Roman fällt die faszinierende gut gekleidete Frau mit dem entstellten Gesicht nicht nur Brunetti sondern auch den Lesern auf – und diese ahnen schon, dass damit eine Schlüsselfigur des Buches vorgestellt wird. Franca Marinella, so der Name der Dame, die ob ihres Aussehens auch „La Superliftata“ genannt wird, beeindruckt Brunetti auf einem Empfang bei dessen Schwiegereltern durch ihre Kenntnisse der klassischen römischen Literatur, während Francas Mann den Gastgeber dazu überreden möchte, in „Geschäfte mit China“ zu investieren. Franca interessiert sich nicht für die Geschäfte ihres Mannes und hat andere Sorgen, weshalb sie Brunetti um Hilfe bittet.

Beruflich ist der Commissario mit dem Mord an einem Fuhrunternehmer beschäftigt, der in finanziellen Schwierigkeiten steckte und deshalb Geschäfte außerhalb seiner Buchführung machte, zudem ein Polizeispitzel war. Als der Carabinieri ermordet wird, der den Kontakt zum Spediteur pflegte, werden die Ermittlungen auch für Brunetti und Kollegen gefährlich, denn der Drahtzieher im Hintergrund entpuppt sich tatsächlich als Mitglied der Camorra-Familie. Als schließlich eine Waffe auf Brunetti und seine Helfer gerichtet wird, erreicht die Geschichte ihren Höhepunkt und den Knotenpunkt im Netzwerk zwischen Kleinkriminalität, Camorra und venezianischem Geldadel. Es wird geschossen, getötet und verhaftet.

Und die Moral von der Geschichte: siehe Brunettis Erkenntnis im ersten Satz dieser Rezension.

Im Unterschied zu Donna Leon vorhergehenden Roman „Mädchen seiner Träume“ stellt die Autorin in diesem Roman schon zu Beginn die Schlüsselfiguren der Story vor- und das tut der Geschichte gut. Während die Spannung nahezu unmerklich und langsam steigt, hat Brunetti Zeit genug, sich näher mit den geschäftlichen Interessen seines Schwiegervaters zu beschäftigen und diese kennen zu lernen.

Dabei erkennt der Commissario die Integrität seines Schwiegervaters, die im krassen Verhältnis steht zu dem korrupten Staatsapparat in allen Hierarchiestufen.

Das ist die Welt in der Familie Brunetti lebt und deren Alterungsprozess sein einigen Jahren und Fällen des Kommissars ausgesetzt ist. Die Kinder befinden sich immer noch im Übergang von der pubertären in die postpubertäre Phase, und Ehefrau Paolo altert genau so wenig wie Brunetti, dessen Kollegen und sein Vorgesetzter, der Vice-Questore Patta.

So mag  nur die Autorin altern, zusammen mit ihren Lesern, deren überwiegende Zahl wohl inzwischen ins Rentenalter gewechselt ist oder zumindest kurz davor steht. Nicht wenige davon  vermutlich ausgestattet mit dem Großen Latinum aus den 60er des vorigen Jahrhunderts und den Reclam- oder Manesse-Bänden von Brunettis Lieblingsautoren Cicero und Ovid im Bücherschrank.

Sie warten nun auf den nächsten Fall, den neunzehnten, den Brunetti lösen wird. Spekuliert werden darf über das Thema: ein katholischer pädophiler Priester (den korrupten hatten wir ja schon) im Umfeld der Familie Brunetti oder Staatsverschuldung in der EU am negativen Beispiel Italiens unter Mitwirkung der Mafia, dargestellt an Missständen in Venedig?

Und wenn die Leser nicht weggestorben sind, werden sie vermutlich noch viele weitere Fälle des nicht alternden Brunettis lesen können – mit leichter Hand geschrieben, selten sonderlich spannend, zur Vermeidung von Herzkasperl bei älteren Lesern.

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Originaltitel: About Face, USA 2009, dt. 2010 (Übersetzung: Werner Schmitz)

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 03.06..2010 auf http://philipp1112.wordpress.com

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