Henning Mankell: Der Feind im Schatten

Dies ist die Abschiedsvorstellung für und mit dem Kommissar Kurt Wallander, bekannt aus dem südschwedischen Ystad, dessen Leser wir seit 1989 in acht Romanen und einem Band mit Erzählungen plus diesem letzten Buch begleitet haben.

Wallander hat auf „Biegen und Brechen“ für die Gerechtigkeit gekämpft.

Er hat auch gekämpft gegen seine Blutzuckerwerte, Cholesterin und Übergewicht, die temporären Alkoholprobleme, gegen Depressionen und Melancholie – mal mehr, meist weniger.

Jetzt kämpft er einen letzten Kampf, den gegen das vergessen, gegen die sich mehrenden Alzheimer-Symptome – und diesen Kampf wird er verlieren.

Während sich seine berufliche Phase aus diesem Grund dem Ende nähert, wird Kurt Wallander im privaten Umfeld mit einem Fall konfrontiert und er tut sein Bestes.

Die Geschichte dieses Falles geht zurück in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Zeit des Kalten Krieges zwischen Ost und West mit dem neutralen Schweden mittendrin. Und er reicht bis in die Gegenwart, dem Punkt an dem sich Wallander befindet, als der Schwiegervater seiner Tochter, der 75jährige ehemalige U-Boot-Kommandant Håkan von Enke spurlos während eines morgendlichen Spaziergangs verschwindet.

Wallander befasst sich auf Wunsch der Familie mit dieser unerklärlichen, rätselhaften Situation und versucht, die Gründe des Verschwindens und den Verbleib des alten Mariners zunächst während eines Urlaubs zu klären. Die Rätsel werden nur noch größer, als auch die Ehefrau des Verschwundenen das Haus verlässt, nicht wieder auftaucht und Wochen später tot aufgefunden wird.

Wallander sucht Kontakt zu alten Weggenossen des Ehepaars, sucht auch noch eigene alte Bekannte auf, um mit deren Hilfe in die Welt des kalten Krieges und der Rolle der schwedischen Marine zu jener Zeit einzudringen, in ein System von Spionage und Gegenspionage, einer Zeit der Anst Schwedens vor der Annektierung durch Rußland. Zudem möchte sich über die Rolle der von Enkes zur jener Zeit informieren, auch, ob der Tod der Ehefrau Louise Mord oder Selbstmord gewesen sein könnte.

Dem Kommissar gelingt es durch Beobachtungen, Deutungen, Zufälle und Intuition Håkan ausfindig zu machen und zu klären, ob Louise über ihre alten Kontakte nach Ostdeutschland militärische Geheimnisse an den Warschauer Pakt verraten haben könnte und wer denn nun für wen und aus welchen Motiven spioniert hat.

Dies alles, bevor unser geliebter Kurt – wie es am Ende des Romans heißt – in einem Dunkel verschwindet, das ihn Jahre später in das leere Universum entlassen würde, das Alzheimer heißt.

Mit diesem Ausgang ist diese Geschichte der unwiderruflich letzte Roman mit Kurt wallander als Hauptperson und auch ein Buch der Erinnerungen.

Wallanders Leben und einige seiner Fälle passieren noch einmal Revue. Kurt erinnert sich an seine Kindheit in Limhamn und dem unerfüllten Wunsch nach einer Märklin-Eisenbahn; an die gescheiterte Ehe mit Mona und seiner großen Liebe zu Baiba. Beide Frauen tauchen noch einmal in seinem Haus und Hof auf: Mona alkoholisiert, Baiba sterbenskrank.

Immer wieder erinnert er sich an seinen ehemaligen und hochgeschätzten Chef Ryberg und dessen Lebensweisheiten, die Wallander stets parat hat, wenn seine Ermittlungen wieder einmal ins Stocken geraten sind und die ihn dann helfen, einen neuen Ansatzpunkt zu finden.

Auch sein verstorbener Vater taucht mehrmals in seinen Gedanken und Träumen wieder auf – und natürlich auch dessen Motiv der vielen Gemälde mit Auerhahn und Sonnenuntergang oder ohne im schwedischen Wald.

Schließlich und mit dem Wissen, eine Enkeltochter zu haben , kann Kurt Wallander sich in Frieden mit sich selbst in das Reich des Schattens seiner Alzheimer-Erkrankung verabschieden.

Wallander-Freund und -Leser klappt am Ende das Buch zu in der Gewißheit, damit Abschied von Kurt Wallander genommen zu haben.

Und so sehe ich es als Buch des Abschied Nehmens. Niemand der Wallander nicht kannte, wird an der Lektüre entzücken, weil sie eben so ist wie der Kommissar war, melancholisch-depressiv.

Alle Versuche von Henning Mankell, politische Gegebenheiten aus der Vergangenheit oder heute darzustellen, die Verflechtungen, das Ungute der Politik, treten hier in den Hintergrund, selbst wenn die Intention des Autors eine andere gewesen ist.

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Originaltitel: Den orolige Mannen, Schweden 2009, dt. 2010 (Übersetzung: Wolfgang Butt)

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Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 09.05.2010 auf http://philipp1112.wordpress.com

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