Tom Rob Smith: Kind 44

Ein Thriller aus der Zeit von Stalins Willkür-Herrschaft und deren Interpretation des Stalinismus durch die Mitglieder der Geheimdienste und die Miliz. Ein Mitglied des Staatssicherheitsdienstes MGB ist Leo Demidow und dies ist seine Geschichte. Zunächst seine Art, dem System gute Dienste durch seine tägliche Arbeit zu leisten, später sein Ausgesetzt-Sein der Willkür als in Ungnade Gefallener und Verfolgter.

Zuerst handelt Leo nach einem Grundpfeiler der neuen (stalinistischen) Gesellschaft:

ES GIBT KEINE KRIMINALITÄT.

Ein Verräter und Schuldiger kann dagegen jeder sein. Jeder kann ein Feind des Systems sein, jeder ein Spion. Fehler darf sich auch ein Mitglied des MGB nicht erlauben.

Es gilt: BESSER ZEHN UNSCHULDIGE LEIDEN, ALS EIN SPION ENTKOMMT.

Als auf den Bahngleisen die nackte, übel zugerichtete Leiche eines kleinen Jungen gefunden wird, muss Leo dem Vater des Jungen, der zudem ein Kollege von ihm ist, erklären, dass es ein Unfall war – denn offiziell gibt es keine Verbrechen zu jener Zeit, oder wenn, dann nur von außenstehenden der sowjetischen Gesellschaft.

Leo Demidow erledigt diese Aufgabe und ist genau so an vielen anderen Säuberungsaktionen beteiligt, die in der Regel damit enden, dass der Feind des Systems eliminiert wird.

Aber – wie es so häufig ist -, auch der Beste kann einmal einen Fehler machen und so verliert Leo schließlich seinen Job, wird zum einfachen Milizsoldaten degradiert und mit seiner Frau Raisa in die Pampa geschickt. Die beiden hatten Glück! Sie haben die Situation zunächst überlebt, vegetieren allerdings nun unter primitivsten Verhältnissen, bar jeder Privilegien, die die Position im Geheimdienst mit sich gebracht hatte, und ständig in der Angst, unter Beobachtung eines alten Kameraden des MGB und dessen Schergen zu stehen. Das heißt, bei dem geringsten Verhalten von Leo und Raisa, dass als subversiv gedeutet werden könnte, droht die Deportation in ein Gulag oder gar der Tod.

Und dann passiert es, dass Leo von weiteren, ähnlich zugerichteten Leichen von Kindern und jungen Mädchen erfährt wie die des kleinen Jungen. Unschuldige werden in diesen Vorfällen zu Schuldigen gemacht, Unschuldige, die am Rande oder außerhalb der Gesellschaft leben – „Perverse“ und „Idioten“.

Leo, der als ehemaliger Brutalo nun selbst unter der Brutalität des Systems und seiner Vertreter leiden muss, versucht, den Serienmörder zu finden. Da es aber keinen Serienmörder gibt – es sind ja alle Fälle aufgeklärt und Schuldige gefunden, macht sich Leo nun noch um so mehr als subversives Element verdächtigt. Festnahme mit jeder Menge Action, Deportation zusammen mit seiner Frau und schließlich die Flucht vor den Verfolgern folgen. Und es ist auch eine Flucht zum Mörder hin, den er schließlich findet, aber auch die Verfolger vom MGB sind zur Stelle.

Hier wird nun auch der Bezug zum Prolog hergestellt, an den kalten Winter 20 Jahre zuvor, in dem Dörfer ausstarben, weil es nichts mehr zu essen gab. Einem Winter, in dem die Bevölkerung vor nichts zurückschreckte, auch nicht vor Kannibalismus.

Das alles endet – soviel sei verraten – dann doch noch so schön, dass das bin dahin schier Unglaubliche aus dem Leben in der Stalinzeit in das Unglaubwürdige am Ende von Smith’s Story umkippt.

Ist der erste Teil des Buches eine interessante Studie über das Leben unter Stalin und die Existenz des Polizeiapparates zu dessen Zeit, so wird in der zweiten Hälfte das Buch durch Action und Chaos bestimmt und gleicht zeitweise einer simplen Vorlage für einen billigen Action-Thriller-Film.

Trotzdem halte ich das Buch gerade wegen des ersten Teils für interessant und lesenswert.

_____________________________________________________________

Originaltitel: Child 44, Großbritannien 2008, dt. 2010 (Übersetzung Armin Gontermann)

_____________________________________________________________

Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht am 11.02.2010 auf http://philipp1112.wordpress.com

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s