Simon Beckett: Leichenblässe

Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht“,

ist offensichtlich eine Maxime aller bisher erschienen Kriminalromanen mit der Hauptfigur des britischen Mediziners David Hunter, der sich auch dieses Mal wieder mit verwesenden Leichen beschäftigt.

Während in Die Chemie des Todes die Wende eintritt, bei der dem Bösewicht noch ein Oberbösewicht übergeordnet wird, war es bei Kalte Asche die Wende, in Richtung Aufteilung in zwei Verbrecher/Verbrechensstränge, nachdem zuvor die Wende vom verdächtig Agierenden hin zu einem der Täter vollzogen wurde.

Bei Leichenblässe wird Simon Beckett seiner Maxime wiederum gerecht, indem nach etwa 250 Seiten zwar ein Verdächtiger ausgemacht wird, es sich schließlich aber herauszustellen scheint, dass auch dieser nur ein Opfer wie Dutzende, nicht mehr zählbarer Ermordeter, ist  – oder nicht oder doch?

Zum Schluss geht es jedenfalls recht turbulent zu, so dass der Leser froh ist, dass Hunter diese Story relativ gering verletzt übersteht.

In diversen Rezensionen wurde der Roman recht unterschiedlich bewertet – bejubelt und verrissen.

Meine Euphorie gegenüber der Hunter-Serie ist inzwischen auch sehr geschrumpft. Eingesetzt hat bei mir dieser Wandel, seitdem ich die letzten Seiten von Kalte Asche gelesen habe, mit dem meines Erachtens völlig überflüssigen Attentat auf Hunter – sowohl bezogen auf die Tat selbst, es sei denn in einem der folgenden Bände würde das Thema außer der Traumatisierung des Betroffenen wieder aufgegriffen, als auch auf die Sinnhaftigkeit bezogen auf die Story.

Der Inhalt von Leichenblässe sei noch kurz erzählt:

Hunter, der sich von dem Attentat auf der Body Farm – richtiger Name Anthropology Research Facility – in Tennessee ablenken will und Abstand von der in die Brüche gegangenen Beziehung mit Jenny gewinnen möchte, läßt sich dort auf den neuesten Stand der forensischen Anthropologie bringen und wird dabei in die Ermittlungen zu einem mysteriösen Verbrechen in den Smoky Mountains einbezogen. Alle tapsen  im Dunkeln, nur ein arroganter Profiler lässt sich zu Erklärungen hinreißen, die sich weitgehend als falsch erweisen – zur Strafe wird er entführt. Im Laufe der Ermittlungen übernimmt die toughe Agentin des lokalen Tennessee Bearau of Investigation (TBI) die Profiler-Rolle. Während Hunters Freund und Förderer, der Chef der Body Farm, eines – für dieses Buch- ungewöhnlichen Todes – stirbt (eines natürlichen Todes), verschwindet der schmierige Bestatter und wird zum Verdächtigen.

Hier sei noch ein kleiner Einschub erlaubt: Die Bezeichnung der Charaktere: arrogant, tough, schmierig, die an die derzeit beliebte Doku-Soap „Bauer sucht Frau“ erinnert, ist bewusst gewählt und kann fortgesetzt werden mit der Bezeichnung  „vergrätzt und  vereinsamt“ für den Pathologen, „grantig“ für den Leiter der Ermittlungen vom TBI oder „vertrottelt wirkend“ für den Libellenspezialisten. All diese Charaktere werden mit einem minimalen Aufwand von Simon Beckett gezeichnet außer einer bestimmten Libelle, deren Form, Farbe und Auftreten liebevoll und detailliert beschrieben wurde. Schade, dass sich der Autor nicht mehr Zeit genommen hat für die Beschreibung der Nebendarsteller und er diese so flach und klischeehaft dargestellt hat.

Es kommt zu einer weiteren Entführung, jedoch nicht der, die Hunter und TBI voraussehen, nämlich der Entführung Hunters selbst. Damit entwickelt sich die Geschichte nicht weniger dramatisch. Da aber bekanntlich „nichts so ist, wie es aussieht“, ist alles ganz anders und zwischen zahllosen Leichen in und um ein verlassenes Sanatorium in den Smoky Mountains klärt sich die Geschichte unter Einbeziehung oben beschriebener Wendungen auf, wobei die letzte als I-Tüpfelchen angelegte mir fast wie ein Stück Fliegendreck vorkommt – überflüssig für die bis zu diesem Punkt knapp 400 Seiten langen Story. Glücklicherweise gibt es aber doch noch neben den vielen Wermutstropfen in Form etlicher Toter aus dem Umfeld von David Hunter den Grund zum Champustrinken, da zumindest ein Entführungsopfer das Drama überlebt.

Den Lesern werden den Roman so erleben wie die Rezensenten: ein Teil wird jubeln, der anderer enttäuscht sein. Vermutlich wird Leichenblässe weniger Leser fesseln als Die Chemie des Todes. Damit ist nichts so, wie es Beckett und dessen Verleger nach den Erfolgen der ersten beiden Büchern der Hunter-Reihe sich möglicherweise erhofft haben.

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Originaltitel: Whispers of the Dead, Großbritannien, 2009, dt.2009 ( Übersetzung Andree Hesse)

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