Uta-Maria Heim: Wespennest

Exif_JPEG_PICTUREEin Einband mit frischen Farben, der Inhalt in einer erfrischenden Sprache. Der Plot kein bisschen altbacken.

Gut, dass Uta-Maria Heim sich nicht in einer  Phase des „Wörterfasten“ befindet wie der eine oder andere der Nebenrollen-Protagonisten.

Die Autorin, Jahrgang 1963, wurde bereits 1992 für ihren Krimi-Erstling Rattenprinzip mit dem Deutschen Krimi Preis (3.Platz)  ausgezeichnet. Geadelt wurde sie kürzlich von Tobias Gohlis, indem er das WESPENNEST in der Wochenzeitung  DIE ZEIT rezensiert hat.

Nun bin ich wahrlich nicht der Fan deutscher Regionalkrimis, die zum großen Teil wenig Originalität ausweisen, außer, dass beispielsweise zwanghaft versucht wird knorzige Individuen als Ermittlern in abgelegenen Gegenden zu schaffen, die sich in zumeist biederer Umgebung bieder und bauernschlau, häufig wegen ihres einfältig erscheinenden Auftretens sowohl von Kollegen als auch von Tätern unterschätzt, mit der Lösung recht konstruiert wirkender Fälle beschäftigen. Die andere Spezies ist die in Städten oder Großstädten ermittelnden, teils weltmännisch auftretenden oder aus Randgruppen agierenden Konstrukten, die oftmals ebenfalls konstruiert wirkende Verbrechen aufklären.

Das Wespennest ist von einem anderen Kaliber. Er ist zwar im regionalen Milieu von Schwarzwald und Stuttgart angesiedelt, geht aber inhaltlich weit über das zu erwartende Lokalkolorit hinaus.

Die geistige Gesinnung der 68-Generation und deren kommunistische und/oder marxistische und auch RAF-angelehnte  Denke stehen im Mittelpunkt, daneben spielen noch Nachkrieg-Nazi-Karrieren, das Leben der Kinder der 68-Generation sowie die Agitationen der neuesten Generation von Anarchos und Neospontis eine Rolle. Allen hat die Autorin dabei aufs Maul und besonders ins Hirn geschaut. Daher erscheinen die Handelnden nicht nur in ihrem Dialekt sondern im gesamten Auftreten stimmig und authentisch.

Die Story selbst mit allen Wirren und verwirrenden Elementen  im Zusammenspiel der handelnden Personen der verschiedenen Gruppierungen, deren Ziele sich zuweilen zu ändern scheinen wie die Farbe des Chamäleons, ergibt interessante neue Aspekte zur Geschichte der Bundesrepublik – oder erzählt zumindest unglaubliche Varianten.

Die Sonderkommission „Friedhof“ schlägt sich wacker durch Tatsachen und mögliche Szenarien, um die Fälle vor dem historischen Hintergrund von Andreas Baaders Tod in Stammheim und Mauerfall zu klären.

Am Ende der Lektüre  weiß ich nicht mehr, welche  Variante zu welchem Mord geführt hat  und auch nicht immer durch wen und warum überhaupt.

Das ist aber auch fast nebensächlich in einer Geschichte, die den Schwerpunkt hat in der Beschreibung des Denkens und Handelns der Protagonisten in den verschiedenen Wespennestern, die deren geistige und politische Heimat sind. Stechen können die Wespen allemal, auch mehrfach und ihr Leben lang, denn ihr Stachel hat bekanntlich keine Widerhaken.

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Erschienen: Deutschland 2009

Die Rezension wurde erstmals am 23.04.2009 veröffentlicht unter http://philipp1112.wordpress.com/2009/04/23/uta-maria-heim-wespennest/

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